So will die Politik das Verkehrsproblem lösen
Was in Wetzikon viele befürchtet hatten, ist Tatsache geworden: Der Kanton wird das Projekt Westtangente nicht mehr weiterverfolgen. Einerseits gewichtet der Bund die Interessen des Moorschutzes höher. Andererseits sieht der Kanton allfällige Enteignungen und den Abriss von Häusern für eine neue Linienführung als nicht verhältnismässig an.
Die bereits dringlichen Themen der Zentrumsentlastung und allfälligen Umfahrungsalternativen sind damit in der Wetziker Prioritätenliste noch weiter nach oben geklettert. Ein Blick in den Gemeinderat zeigt: Die Stellungen sind bezogen.
Nicht aufgeben: Der Unermüdliche in der Mitte
Für Gemeinderat Elmar Weilenmann (Die Mitte), der in diesem Frühjahr eben noch mit einer Interpellation bezüglich des Planungsstand an den Stadtrat gelangt war, ist die Westtangente mit dem Entscheid des Regierungsrates noch lange nicht beerdigt. Im Gegenteil: «Wir werden weiterkämpfen», sagt er mit bestimmter Stimme. Und: «Ich bin Feuer und Flamme für die Strasse – Wetzikon braucht sie unbedingt.»
Weilenmann stört sich daran, dass das betroffene Landstück als Moorlandschaft klassifiziert wird. Seit bald 100 Jahren bilde die Bahnlinie zwischen Kempten und Pfäffikon die Grenzlinie zum Naturschutzgebiet, während der Streifen zum Siedlungsrand intensiv landwirtschaftlich genutzt werde. Warum es plötzlich mehr Abstand brauche, erschliesse sich ihm nicht. «Im entsprechenden Gutachten der Eidgenössischen Natur- und Heimatschutzkommission wird das nur schwach begründet», findet er.
«Ich bin Feuer und Flamme für diese Strasse – Wetzikon braucht sie unbedingt.»
Elmar Weilenmann, Die Mitte
Auch das Bundesgerichtsurteil aus dem Jahr 2012 zur Führung der Oberlandautobahn, auf welches sich das Bundesamt für Umwelt bei seiner Einschätzung beruft, findet Weilenmann in diesem Kontext irrelevant. «Das dort betroffene Ambitzgiriet kann mit dieser landwirtschaftlich genutzten Fläche nicht verglichen werden.»
Stattdessen stellt er sich auf den Standpunkt, dass die Baudirektion Ende des letzten Jahrtausends zum Schluss gekommen war, dass die Westtangente mit dem Schutzperimeter übereinstimme. Auf legislativer Ebene gelte es deshalb nun, möglichst viele Kantonsräte zu mobilisieren. Immerhin müssten diese den Antrag zur Streichung aus dem Richtplan erst noch zustimmen.
«Es muss sich Widerstand formieren – in der Bevölkerung, im Gewerbe und in der Politik. Betroffene gibt es ja wahrlich genug», fordert Weilenmann und geht dann noch weiter: «Wir dürfen keine legalen Mittel ausschliessen. Im Notfall muss der Fall vor Bundesgericht entschieden werden.»
Beruhigen: Der besonnene Grüne
Bei den Wetziker Grünen hat der Verzicht auf die Westtangente dagegen kaum Emotionen ausgelöst. «Es war immer klar, dass dieses Projekt nicht zustande kommt, da der Moorschutz nicht geritzt werden kann», sagt Martin Wunderli, Präsident der Grünen Wetzikon. «Das haben wir dem Stadtrat und dem Kanton auch immer gesagt.» Umso ärgerlicher sei es deshalb, dass die Verantwortlichen auf dieser «Planungsleiche» beharrt hätten: «Diese Zwängerei hat den Steuerzahler viel Geld gekostet.»
Das Ziel müsse es nun sein, die Alternativen zum motorisierten Individualverkehr zu fördern. «Jede Strasse, die gebaut wird, hält 50 Jahre. Und ich habe noch nie gehört, dass eine Strasse abgerissen wird», sagt Wunderli. Deshalb sei für ihn klar, dass man die Zukunft mit dem bestehenden Strassennetz planen müsse.
«Es war immer klar, dass dieses Projekt nicht zustande kommt, da der Moorschutz nicht geritzt werden kann.»
Martin Wunderli, Präsident Grüne Wetzikon
Nach konkreten Lösungen bezüglich des steigenden Verkaufsaufkommens gefragt, dreht Wunderli zuerst den Spiess um: «Diese Annahme ist aus einer anderen Zeit.» Es gebe viele neue Möglichkeiten der Mobilität, im Gleichschritt mit der steigenden Elektrifizierung steige auch das Angebot im Sharing-Bereich an.
«Über 50 Prozent des Zentrumverkehrs ist Ziel- und Quell-Verkehr, der direkt mit Wetzikon als Ausgangs- oder Zielort zusammenhängt», gibt er zu bedenken. Deshalb müsse die Umlage auf Fuss-, Fahrrad- und öffentlichen Verkehr gefördert werden – etwa durch den Ausbau der entsprechenden Infrastruktur. Zwei Massnahmen zur Entlastung des Zentrums liegen für Wunderli auf der Hand: «Wir fordern Tempo 30 auf allen Strassen unseres Stadtgebiets und gleichzeitig Pförtnersignale ausserhalb.»
Bauen: Der pragmatische Bürgerliche
In der mit Abstand grössten Fraktion des Gemeinderats, derjenigen der SVP, sieht man Stand Heute ebenfalls keinen Sinn mehr, den Entscheid des Kantons grundsätzlich in Frage zu stellen – obschon man sich die Westtangente gewünscht hatte. «Es hat sich ja schon abgezeichnet, nun haben wir einfach noch Klarheit darüber bekommen, dass das Wohl einiger Frösche über der Mobilität der Bevölkerung steht», sagt Präsident Rolf Müri.Es gelte jetzt Lösungen für das Problem zu finden.
Dass diese aber etwas anders aussehen als im entgegengesetzten politischen Spektrum erstaunt wenig. «Die Mobilität wird weiter steigen, es ist wenig hilfreich diesen Fakt zu negieren», sagt Müri und bedient sich der Analogie des fliessenden Wassers, das immer einen Weg findet, um weiterzufliessen. Die Schlussfolgerung: «Um es aufzufangen, brauchen wir einfach neue Strassen.»
«Nun haben wir Klarheit darüber bekommen, dass das Wohl eineinger Frösche über der Mobilität der Bevölkerung steht.»
Rolf Müri, Präsident SVP Wetzikon
Wie genau das geschehen soll, müsse jetzt dringend diskutiert werden. Langfristig gelte es die Oberlandautobahn zu forcieren, mittelfristig müssten neue Linien gesucht werden, die den Moorschutz nicht tangieren. Eine Osttangente, wie sie ironischerweise jüngst Bigi Obrist von der Alternative Wetzikon in einem Leserbrief im ZO/AvU aufs Parkett gebracht hatte, sieht der SVP-Gemeinderat ebenfalls als Möglichkeit. «Und sei es zur Not unterirdisch: Wir müssen einfach Wege finden, auch wenn es kostet», betont er.
Der allererste Schritt in diesem Prozess, so schliesst Rolf Müri, sei es freilich, das Problem als eines der ganz zentralen Zukunftsprobleme der Stadt anzuerkennen. «Manchmal zweifle ich daran, ob wir alle schon soweit sind.»
