«Ich bin ein moderner Bünzli»
Wenn Politiker nach ihrem Erweckungsmoment gefragt werden, erinnern sie sich nicht selten an ein bestimmtes Ereignis. Eines, das ihnen die Augen geöffnet, sie in ihrer Meinung bestärkt oder sie wütend gemacht hat. So ein Erlebnis kennt auch Kilian Meier.
Der neue Ratspräsident der Stadt Illnau-Effretikon sitzt an diesem schönen Spätsommerabend auf der Terrasse des Sportzentrums Eselriet. Er nimmt einen Schluck aus seiner Rivella-Flasche und erinnert sich an seine Jugend.
«Ich war ein Befürworter der Ausschaffungsinitiative und habe mich enorm daran gestört, dass es ständig hiess, sie könne nicht umgesetzt werden. Ich habe sogar meine Maturarbeit zum Thema «Umsetzung von Volksinitiativen» verfasst.»
Mit dieser Arbeit, sagt Meier, habe schliesslich sein Weg zur Einsicht begonnen, dass die Dinge nicht einfach «nur schwarz und weiss» sind. Das wiederum habe seine Faszination für die Politik genährt. «Heute weiss ich, dass es für jedes komplexe Problem eine einfache Lösung gibt. Und dass diese immer falsch ist.»
Nüchtern mit Ausrufezeichen
Es ist einer dieser pointierten Sätze, in dem sich Kilian Meiers Wesen ziemlich gut spiegelt. Im Verlauf des Gesprächs wird er noch weitere einstreuen, er scheint diese Kunst zu beherrschen. Der junge Jurist spricht flüssig und viel, er kann sich gut ausdrücken und trotz betonter Nüchternheit auch mal ein Ausrufezeichen setzen. Das sind wichtige Qualitäten für einen Politiker.
«Heute weiss ich, dass es für jedes komplexe Problem eine einfache Antwort gibt. Und dass diese immer falsch ist.»
Kilian Meier, 29, Die Mitte
Noch vielsagender ist aber freilich der Inhalt des Statements. Denn tatsächlich gibt sich der 29-Jährige nicht nur reflektiert und differenziert – er definiert sich praktisch darüber. Begriffe wie «Ausgleich», «Verständnis» und «Austausch» gehören zu seinem Standardvokabular.
Es passt, dass er von seiner Partei auch in der Retroperspektive beharrlich von der «Mitte» spricht, obschon er selbst 2018 noch als CVP-Vertreter in den Rat gewählt worden ist. Und dass er seine Affinität für diese Partei unter anderem über ein sogenanntes «Spider-Diagramm», bei dem man sein politisches Profil mittels Haltungs- und Sachfragen eruiert, entdeckt hatte.
In der Kombination mit einem durchaus jugendlichen Elan lässt ihn dieses Selbstverständnis authentisch wirken. Das wiederum dürfte dem Ur-Effretiker im Umgang mit der Bevölkerung, aber auch bei der Arbeit mit den Ratskollegen entgegenkommen. Seine unbestrittene Wahl zum Ratspräsidenten im Juli – Meier erhielt 29 von 30 Stimmen – spricht da für sich.
Er sagt: «Dass ich zum jüngsten Ratspräsident unserer Stadtgeschichte gewählt worden bin, ist ein Vertrauensbeweis.» Und: «Ich mag jung sein, doch wir haben in unserer Stadt ganz viele junge Menschen, die einen Anspruch darauf haben, repräsentiert zu werden.»
Schneller als erwartet
Meier weiss natürlich, dass das nicht selbstverständlich ist. Er gibt freimütig zu, dass er ursprünglich davon ausgegangen sei, dass man für ein politisches Amt zuerst seine Sporen in der Partei abverdienen, den beruflichen Rucksack füllen und ein paar Jahre lang die Festbänke von Gemeinde- und Wahlveranstaltungen tragen müsse. «Ich bin vor sechs Jahren der CVP beigetreten, weil ich Politik einfach mal erleben wollte», blickt er zurück. Dass es so schnell gehen kann, habe ihn überrascht.
Ein Selbstläufer war der Aufstieg indessen nicht. Obschon Kilian Meier einer jüngeren Generation angehört, die eigene Wege geht und neue Prioritäten setzt, finden sich in seinem Werdegang zig Punkte, die jedem «typischen Politiker» gut anstehen: Engagement in der CEVI, militärische Karriere – unterdessen auf der Stufe Kompaniekommandant –, Wahl in den Vorstand der lokalen CVP und ins Stadtparlament, abgeschlossenes Jura-Studium, Arbeit auf einer Anwaltskanzlei, Praktikum als Jurist bei der Bundespolizei und aktuell Auditorium beim Bezirksgericht Meilen mit dem Fernziel Anwaltspatent.
Da drängt sich die Frage auf: Ist Kilian Meier etwa ein junger Bünzli? «Ich bin ein moderner Bünzli – aber nehmen Sie das nicht in die Überschrift», entgegnet er und lacht laut. Als Jurist wohlwissend, dass das nicht in seiner Kompetenz liegt.
Er weiss, wo Politik gemacht wird
Natürlich ist der neue Ratspräsident Profi genug, das auszuhalten. Nach drei Jahren im Parlament ist er mit dem Betrieb und dessen Gepflogenheiten vertraut. Er weiss, dass die Politik auch in Illnau-Effretikon nicht nur im Saal, sondern in Nebenzimmern und im Foyer gemacht wird und vieles weit berechenbarer ist, als es gegen aussen scheinen mag.
«Das Politstrategische entspricht mir schon», gibt er zu. «Wann beisse ich bei einer Sache in den sauren Apfel, um eine andere zu meinen Gunsten zu beeinflussen? Diesen Teil finde ich spannend.» Unter dem Strich gehe es ja vor allem um eines: Ergebnisse zu erzielen.
«Wann beisse ich bei einer Sache in den sauren Apfel, um eine andere zu meinen Gunsten zu beeinflussen? Diesen Teil finde ich spannend.»
Kilian Meier, neuer Ratspräsident von Illnau-Effretikon
So stellt er vorderhand auch bedenkenlos eigene Ambitionen auf ein Exekutiv-Amt zurück. Als Co-Präsident der «Mitte Illnau-Effretikon» hat er den Entscheid mitgetragen, für die Stadtratswahlen im kommenden Jahr die BDP-Altnationalrätin Rosmarie Quadranti ins Rennen zu schicken.
Mit ihrem prominenten Namen und ihrer politischen Erfahrung ist sie für die Kleinpartei ein Glücksfall – zumal zwei der drei freiwerdenden Sitze bislang weiblich besetzt sind. «Angesichts der tiefen Frauenquote in der Stadtpolitik stehen wir hier in der Verantwortung, mit einer weiblichen Kandidatin anzutreten», betont er.
Die Herausforderung Wahljahr
Er selbst will sich jetzt auf die berufliche und militärische Laufbahn und sein Amt als Ratspräsident konzentrieren. Das ist Aufgabe genug. In seinem offiziellen Grusswort hat Meier die zunehmende Spaltung innerhalb der Gesellschaft beklagt und deren Überwindung unter anderem mittels Begegnung gefordert. In Zeiten von Corona einfacher gesagt als getan.
Überdies fällt sein Amtsjahr just mit einem Wahljahr zusammen. Für einen Ausgleichspolitiker, der explizit Wert auf eine lebendige, aber respektvolle Debatte legt, eine weitere Herausforderung. Er ist sich bewusst: «Ein Wahljahr ist nicht das beste Konsensjahr. Der Ton wird rauer, die Formulierungen schärfer.» Und dennoch sieht Kilian Meier das Glas halbvoll: «Das macht die Aufgabe spannender. Denn genau jetzt ist vom Ratspräsidenten gute Arbeit gefordert.»
