Das Blei am Berg geht ins Geld
Noch ist die 200 Meter lange Spur quer über den Hang gut sichtbar. Sie führt von der Oberholzstrasse bei der Walder Aussenwacht Hittenberg hoch zum Waldrand. Dorthin, wo der Kugelfang des Schiessstandes Hittenberg lag. Bis 2002 wurde dort oben noch geschossen. Wie viel, das kann Lars Schudel nicht genau sagen. Jedenfalls aber lange, weiss der Co-Ressortleiter Altlasten der Firma Ecosens, die für die Sanierung aller vier Walder 300-Meter-Schiessanlagen verantwortlich ist.
Geschützt hinter Betonmauern
Ab 1874 bis etwa 1950 feuerten die Schützen des Schiessvereins Hüebli-Hittenberg Salven um Salven in den Wall vor dem Chrattenholz. Dann wurde gleich daneben ein neuer Kugelfang mit einem Scheibenstand in Betrieb genommen. « In dieser Anlage habe ich in den 1970er Jahren als Jugendlicher noch mit den Kellen gezeigt » , erzählt Bauer Heinz Keller. Elektronische Trefferanzeigen gab es dort oben nie.
Der Beton, der ihn einst im Zeigerstand geschützt hat, ist nun abtransportiert. « Sie haben gegen 100 Kubik Beton rausgeholt » , weiss Keller, auf dessen Boden ein guter Teil der Schiessanlage stand. Die Betonbrocken werden nun recycliert. « So können wir einen geschlossenen Materialkreislauf herstellen » , erklärt Schudel.
Tausende Tonnen Gift
Viel heikler für die Umwelt ist aber die andere Ware, die aus dem Boden geholt wurde. « In den Einschussbereichen im Kugelfang liegen die Bleikonzentrationen häufig im Bereich von bis zu 50 Gramm pro Kilo Erdreich » , sagt der Altlastenexperte. Das Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft rechnet mit bis zu 3000 Tonnen reinem Blei, das in den letzten 150 Jahren in die Kugelfänge der Zürcher Schiessstände gefeuert wurde.
In Hittenberg oben wurden rund 430 Tonnen stark verschmutztes Aushubmaterial abgetragen. Dieses wird in einer speziellen Waschanlage aufbereitet. Dabei wird das Blei aus dem Erdreich ausgewaschen und separiert. Auch Kies und Sand wird zurückgewonnen. Nur die nicht verwertbaren Teile landen auf einer Deponie.
Ämter, Ämter, Ämter
Die Arbeit in Hittenberg war aufwändiger als an vielen anderen Orten, meint Schudel, der schon gut 20 Kugelfänge saniert hat, darunter auch solche in Moorgebieten oder bei einer archäologischen Fundstelle aus der Römerzeit. « Eine besondere Herausforderung in diesem Projekt bestand in der sehr anspruchsvollen Topographie im steilen Gelände. »
Neben der Baupiste, für die alleine temporär 260 Kubikmeter Kies benötigt wurde, galt es eine Brücke über den Büntertöbelibach zu erstellen. Zudem musste im besonders steilen Bereich des Kugelfangs ein Schreitbagger eingesetzt werden. Und es wurden 150 Quadratmeter Wald temporär abgeholzt.
« Eine Herausforderung war auch der Einbezug aller betroffenen Wald- und Grundeigentümer sowie aller kantonalen Fachstellen und Behörden für die Altlasten, den Bodenschutz, den Wasserbau und Gewässerschutz, die Fischerei, den Wald, etc. » , hält Schudel fest. Hinzugekommen sei schliesslich, dass während der rund zwei Monate langen Bauzeit vor allem im Juli und August das Wetter schwierig gewesen sei.
Noch bestehen bleiben wird der knapp 1000 Quadratmeter grosse Installationsplatz an der Oberholzstrasse. Dieser wird nämlich im nächsten Jahr für eine Strassenbaustelle des Kantons Zürich weiterverwendet.
An zwei Orten wird weiter geschossen
Neben Hittenberg sei auch die Sanierung der Anlage Neuholz anspruchsvoll gewesen. Dort gab es ebenfalls eine lange Baupiste und eine Bachquerung. Dazu musste aber neben dem 300-Meter- auch noch ein 400-Meter-Kugelfang saniert werden. Zudem musste die 300-Meter-Anlage auf ein emissionsfreies Kugelfangsystem umgerüstet werden. Diese und die Anlage Sennenberg sind von den vier Walder Anlagen die beiden, die weiter in Betrieb sind.
Schudel hat im 2018 zunächst die Anlage Oberlaupen und dann im Sommer 2020 jene im Sennenberg sowie das Neuholz saniert. Mit der Hittenberger Anlage – sie musste wie jene in Oberlaupen wegen der Gefährdung von Gewässer prioritär saniert werden – hat die Gemeinde Wald nun zeitgerecht ihre Pflicht erfüllt.
Kosten von 2,6 Millionen Franken
Und die ist teuer. Für Oberlaupen hat die Gemeinde gebundene Ausgaben von 420‘000, für Sennenberg 480‘000, für Hittenberg 519‘000 und fürs Neuholz 910‘000 Franken bewilligt. Ob die mit der Teuerung total rund 2,6 Millionen dann wirklich gebraucht werden, könne laut dem Walder Gemeindeschreiber Martin Süss noch nicht gesagt werden.
« Bereits abgerechnet ist die Sanierung in Oberlaupen. Von den tatsächlichen Kosten von 476’000 Franken verblieben der Gemeinde Wald 132’000 Franken oder 27 Prozent der Gesamtaufwendungen. Der Rest wurde von Bund und Kanton subventioniert » , hält Süss fest. Der Bund entschädigt pro Scheibe 8000 Franken. Von den restlichen Kosten hat die Gemeinde 30 bis 50 Prozent zu tragen. Was dann noch bleibt, übernimmt der Kanton.
Das mutierte Schützenhaus
Landwirt Keller ist jedenfalls zufrieden, dass jetzt wieder auf der temporären Piste angesät worden ist. Dann wächst auch dort wieder Gras für seine Kühe. « Die Bauerei hat mich gar nicht gestört, man musste es einfach machen » , meint er. « Aber das Ganze hat mich vorher nicht gestört und auch jetzt nicht. Die Sanierung ging ja schnell. » Und dann gewinnt er der ganzen Sache doch noch einen Vorteil ab: Nun darf er das Gras oben, wo der Scheibenstand war, wieder mähen. Und das geht jetzt erst noch einfach, da das Terrain geebnet ist.
So erinnert nun in Hittenberg nur noch das Schützenhaus daran, dass dort einmal geschossen worden ist. Immerhin wird es von geübten Schützen weitergenutzt: Die Jagdgruppe Scheidegg hat dort ihre Jagdhütte eingerichtet.
Noch viel zu tun im Oberland
Seit dem 1. Januar 2021 dürfen Schiessanlagen nur noch betrieben werden, wenn sie mit emissionsfreien, künstlichen Kugelfangsystemen ausgerüstet sind. Von den 2019 im Kanton Zürich noch 52 betriebenen Kugelfängen wurden 40 rechtzeitig auf 2021 hin umgerüstet. 12 Kugelfänge wurden stillgelegt, 2 davon temporär.
Noch viel zu tun gibt es aber bei den vielen alten Kugelfängen. Von den 460 Standorten sind rund 370 sanierungsbedürftig. Im Februar dieses Jahres konstatierte das Zürcherische Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel), dass bis anhin 128 Kugelfänge saniert seien. 235 stehen noch an. Einige werden überwacht.
Das Awel kann für jede Schiessanlage eine standortspezifische Dringlichkeit für die Sanierung festlegen. Wo kein Grundwasser und keine oberirdischen Gewässer unmittelbar gefährdet sind, läuft die Frist in der Regel bis ins Jahr 2040. Durch die Kugelfang-Sanierungen wurden im Kanton Zürich bisher mehr als 400 Tonnen reines Blei zurückgewonnen.
In einem speziellen Kataster sind alle belasteten Standorte im Kanton erfasst. Sanierungsbedürftige Kugelfänge sind gemäss diesem Verzeichnis vor allem noch im Bezirk Uster, so etwa in Wangen-Brüttisellen, Volketswil, Schwerzenbach, Egg, Maur oder Dübendorf zu finden. Doch auch in weiteren Gemeinden der Region, in Lindau, Illnau-Effretikon, Weisslingen, Schlatt, Bauma, Pfäffikon, Fischenthal, Rüti, Hinwil und Gossau, stehen noch Anlagen, deren Sanierung zwingend ist.
