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Wenn der beste Freund des Menschen zum besten Freund des Schafs wird

Wetterextreme und Agrarreformen: Menschen in der Landwirtschaft leben den konstanten Wandel. In einer Sommerserie stellt Züriost Oberländer Betriebe und ihre Geschichten vor. Heute mit Bruno Zähner und Sabrina Otto, die für ihre Schafe Helfer auf vier Pfoten ausbilden.

Bruno Zähner und Sabrina Otto betreiben den Demeter-Hof Guggenbüel in Illnau., Neben Schafen, Ziegen, Schweinen, Pferden und Katzen hält das Paar Hunde, die für die Arbeit mit den Schafen eingesetzt werden., Zähner liebt an seinem vielseitigen Beruf, dass er jeden Abend sieht, was er geleistet hat., Das Tierwohl steht dabei über dem Produkt: «Wir wollen, dass die Tiere gesund, robust und widerstandsfähig sind.», Die kleine Wicki White hat ihre zweijährige Ausbildung zum Hütehund noch vor sich., Eines Tages soll sie die Schafherde beaufsichtigen und treiben., Die beiden Schutzhunde Fanny und Chipsy verbringen vierundzwanzig Stunden am Tag bei ihrer Schafherde.

Paulo Pereira

Wenn der beste Freund des Menschen zum besten Freund des Schafs wird

Bruno Zähner stapft mit grossen Schritten über den Hofplatz – dicht gefolgt vom zehn Wochen jungen Welpen Wicki White. Das «W hite »  steht für ihre weisse Vorderpfote, die niemals stillzustehen scheint. Ab und zu verschwindet die Hündin spurlos, und Zähner startet eine Suchaktion auf dem Hof, bei der es allerhand zu entdecken gibt.

Auf dem Demeter-Hof Biolandbau Guggenbüel   in Illnau halten Zähner und seine Partnerin Sabrina Otto hunderte Schafe, ein paar Ziegen, Wollschweine, sechs Pferde, Katzen und Hunde. Die beiden haben lange nach einem so vielseitigen Bauernhof gesucht – 2014 wurden sie fündig. Otto und Zähner sind  nicht nur Hundehalter: Sie züchten die Tiere auch und trainieren sie.

« Sowohl die Hütehunde als auch die Schutzhunde werden seit Jahrhunderten für ihre Aufgaben gezüchtet und haben die Instinkte im Blut. »

Bruno Zähner, Bauer auf dem  Biolandbau Guggenbüel

Bald beginnt Wickis zweijährige Ausbildung zum Hütehund. Als « Schafherden-Aufsicht » wird sie die Tiere eines Tages anleiten und treiben. Wicki ist aber nicht die einzige Lehrtochter auf dem Hof: Zähner zieht sogenannte Herdenschutzhunde heran, welche die Schafe vor dem Wolf schützen sollen.

Momentan sind nur die auszubildenden Schutzhunde Fanny und Chipsy auf dem Betrieb anzutreffen. Sie fallen mit ihrem dichten, weissen Fell kaum auf zwischen den Schafen.  Die beiden sind vier Monate alt und mindestens drei Köpfe grösser als Wicki. Sie weichen nie von der Seite ihrer Schützlinge.

Die Besucher werden mit einer grossen Portion Skepsis und lautem Gebell empfangen. « Sowohl die Hütehunde als auch die Schutzhunde werden seit Jahrhunderten für ihre Aufgaben gezüchtet und haben die Instinkte im Blut » , so der Bauer.

Die 13 Helfer der Schafe

Im Oberland müssen sich die Schafe laut Zähner zurzeit nicht vor dem Wolf fürchten. Der 42-Jährige hat jedoch eine Alp gepachtet, die im Taminatal mitten in den St. Galler Oberland  Alpen liegt – auf rund eineinhalb bis zweieinhalb tausend Metern Höhe. Jeden Sommer dürfen die Schafe und Ziegen dort Urlaub machen – unter wachsamer Aufsicht von acht Schutzhunden, vier Hütehunden und einem Hirten.

« Wenn ein Wolf kommt, müssen die Schutzhunde ihn auf Leben und Tod von der Schafherde fernhalten » , sagt Zähner. Normalerweise reiche jedoch ein dominantes Verhalten aus – zu Kämpfen komme es glücklicherweise höchst selten. Zähners System scheint sich zu bewähren: Bisher wurde weder eines seiner Schafe noch ein Hund bei der Arbeit verletzt, obwohl häufig Wölfe gesichtet würden.

Im Winter im Oberland – im Sommer auf der Alp

Die Schafe sind das eigentliche Herzstück des Betriebs. Sie liefern die wichtigsten Hofprodukte: Milch und Fleisch. « Die Lämmer bleiben bei der Mutter, bis sie keine Milch mehr brauchen. Die restliche Milch wird verkauft » , so Zähner.

Im Winter reisen die Schafe als Wanderherde durchs Zürcher Oberland, wobei sie von einem Hirten im Wohnwagen begleitet werden. Im Frühling dürfen sie auf die Alp und kriegen im Optimalfall Nachwuchs. Von einer Weideecke zur anderen läuft man laut dem Bauern etwa drei Stunden. Momentan leben rund 350 Schafe auf der Alp – nur eine Handvoll ist im Oberland geblieben.

« Die dreieinhalb Monate ohne Tiere sind für uns eine Entlastung » , sagt Zähner. Sie werden genutzt, um intensiven Ackerbau betreiben und Futter gewinnen zu können. Zähner und Otto pflanzen nämlich Getreide wie Dinkel und Mais und in Zusammenarbeit mit Nachbarsbetrieben Gemüse wie Erbsen, Kürbis oder Futterchicorée auf den Feldern an. « Wir möchten mit unseren Produkten das Ernährungsspektrum des Menschen möglich breit abdecken » , sagt Zähner.

Das Produkt ist zweitrangig

Um den Nährstoffkreislauf in den Böden natürlich schliessen zu können, wurden Wollschweine auf den Hof geholt. Die Schweine beackern die Felder, die brach liegen und fressen unerwünschte Pflanzenwurzeln. Die kleine Horde besteht aus Muttertier Olga und ihren Frischlingen. Auch sie leben in sogenannter Robusthaltung  draussen auf der Weide.

Die Schweine verbringen etwa zwölf Monate auf dem Hof und die  Lämmer etwa acht Monaten oder mehr, bis sie geschlachtet werden.  Die Mutterschafe werden mit rund zwölf Jahren geschlachtet –  was laut Zähner vergleichsweise spät ist.  Das Fleisch wird zum Teil im Hofladen und der Dorfmetzgerei in Illnau verkauft.   « Das Produkt ist zweitrangig –  wichtig ist uns das Leben der Tiere. Wir wollen, dass sie gesund, robust und widerstandsfähig sind » , sagt der Bauer.

Der Schlachthof in Agasul ist rund fünf Autominuten entfernt. « Wir möchten möglichst jedes Tier vom Anfang bis zum Schluss begleiten und sind somit auch bei der Schlachtung dabei » , sagt Zähner.

Bald Hafermilch im Hofladen?

In den letzten Jahren habe sich das Konsumverhalten in der Gesellschaft aber deutlich verändert. Gerade die Schafsmilch sei ein Nischenprodukt, deren bisherige Konsumenten vermehrt auf tierische Produkte verzichten würden. Allerdings erlebe man auch einen Trend weg von Billigprodukten hin zu Qualitätslabels wie Bio und Demeter, der dem Betrieb neue Kundschaft beschere.

« Wir haben einige Kunden, die sonst vegetarisch leben und nur unser Fleisch essen » , sagt Zähner. Er mache sich aber schon Gedanken darüber, wie viele tierische Produkte er in Zukunft anbieten wolle, da die Tierhaltung weniger effizient sei als andere Formen der Landwirtschaft. Zähner fügt hinzu: « Vielleicht gibt es ja bald Hafermilch auf unserem Hof zu kaufen. »

« Ich bin Mechaniker, Futterbauer, Tierarzt, Ackerbauer, Tierhalter und Gemüsebauer in einem. »

Bruno Zähner

Vorerst werden die Schafe jedoch ein wichtiger Teil des Betriebs bleiben. « Ich habe immer Schafe gehabt. Im Anbau vom Gemüse fehlt mir das Know-how » , begründet Zähner. Seine Lieblinge sollen bald ein neues Winterquartier bekommen. Er will seinen Stall vergrössern und dabei die Fütterung stärker automatisieren. Zusätzlicher Raum bedeutet für den Demeter-Bauern jedoch nicht mehr Schafe: « Die Tiere brauchen viel mehr Platz, als die Gesetze vorgeben. »

Der Bauer schätzt die Vielfalt an seinem Beruf: « Ich bin Mechaniker, Futterbauer, Tierarzt, Ackerbauer, Tierhalter und Gemüsebauer in einem. »  Allerdings sei man sehr an den Hof gebunden. Früher ist Zähner gerne gereist – heute ist er froh um eine Woche Ferien.  « Und wenn das Wetter nicht mitspielt und ich nicht rechtzeitig ernten kann, sind die sparsam geplanten Urlaubstage passé » , sagt Zähner. Dafür sehe man jeden Abend, was man geleistet habe. « Dann weiss ich wieder, warum ich müde bin. Und ich bin immer müde. »

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