Der Finanzvorstand geht mit der Freiheit auf Tournee
Aus null mach drei: Nachdem im letzten Jahr die 1.-August-Feier in Wetzikon wegen Corona hatte abgesagt werden müssen, setzte der Stadtrat trotz anhaltender Pandemie dieses Jahr auf eine Durchführung. Dabei übernahm er das Konzept, das er eigentlich schon im 2020 entwickelt hatte. Die Feier fand dezentral an drei Orten in den Quartieren statt. Auf diese Weise konnte eine Ballung von 500 Leuten, die eine zentrale Durchführung hätte mit sich bringen können, umgangen werden.
Und so sind am Sonntag die drei Vertreter der Stadt, Stadtrat Pascal Bassu (SP) als Einheizer, Stadtrat Heinrich Vettiger (SVP) als Festredner und Parlamentspräsident Urs Bürgin (FDP) fürs Grusswort, an verschiedenen Orten in ihrem territorialen Zuständigkeitsbereich aufgetreten, ganz so wie einst deutsche Könige von Pfalz zu Pfalz reisten.
Zusammenkommen ohne Maske
Die kleine Tour de Wetzikon hatte den Auftakt am Morgen in der Schulanlage Walenbach mit rund 100 Besuchern. Auf 13 Uhr hin ging es ins Guldisloo weiter, ehe um 15.30 Uhr am dritten und letzten Ort in der alten Turnhalle in Oberwetzikon die Runde ihren Abschluss fand.
Bassu sprach das gegenüber früheren Jahren eher spärlich aufmarschierte Publikum je nach Quartier individuell an. Zu den knapp 50 Wetzikerinnen und Wetzikern im Guldisloo meinte er, dass hier wenigstens keine Maske getragen werden müsse, da man sich in der Eingangshalle des Schulhauses halb draussen befinde. Dies ermöglichte es auch, dass unter Begleitung der Harmonie Wetzikon gemeinsam der Schweizer Psalm gesungen werden konnte.
Der Parlamentspräsident freute sich, dass sie hier wieder einmal unter den Leuten sein könnten. Der Gemeinderat habe wegen Corona auch umziehen müssen in die alte Turnhalle, wo kein Publikum zugelassen sei.
Parallele zwischen Gesundheit und Freiheit
« Weil ich letztes Jahr die Rede nicht halten konnte, werde ich sie in mein diesjähriges Referat miteinschliessen. Die Rede dauert also etwas länger » , schickte Heinrich Vettiger gleich voraus. Ins Zentrum seiner Ansprache stellte er die Freiheit. « Viele in unserem Land erachten Freiheit als etwas derart Selbstverständliches, dass wir uns nicht mehr bewusst sind, was sie eigentlich bedeutet. » Das sei so ähnlich wie mit der Gesundheit, über die man sich keine Gedanken mache, so lange man gesund sei.
Nach einem Ausflug in die Schweizer Geschichte machte er klar, dass in keinem anderen Land der Welt das Volk so viele Rechte habe wie hier. Diese hätten sich die Bewohner aber auch erst erstreiten müssen. Mit der Digitalisierung durchlaufe die Gesellschaft aber grosse Veränderungen. « Das Internet sprengt die Kommunikation beziehungsweise die Informations-Grenzen. Die Welt ist zu einem grossen Dorf geworden » , schlug Vettiger den Bogen zum Heute.
« Eine neue Form von Zensur »
« Die Schwierigkeit besteht heute nicht mehr darin, Informationen zu finden. Das Problem ist, sich nicht in der Datenflut zu verlieren. » Hinzu komme das Problem, dass Soziale Medien wie Facebook, Google oder Twitter einigen wenigen « Big-Tech-Oligarchen » gehörten, die sich ein Datenmonopol aufgebaut hätten.
Wenn diese entscheiden, welche Informationen in der Internetsuche überhaupt erscheinen und wenn, in welcher Reihenfolge, so sei das « eine neue Form der Zensur » . Das Internet und die Sozialen Medien hätten aber auch heiklen gesellschaftlichen Entwicklungen Auftrieb verliehen.
Toleranz hört leider vermehrt dort auf, wo unterschiedliche Ansichten aufeinandertreffen » , meinte Vettiger. Dabei sei gerade eine Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Meinungen wichtig, um den Horizont zu öffnen und sich zu entwickeln. Auch die Forderung nach politischer Korrektheit führe dazu, dass « gesellschaftliche blinde Flecken bestehen oder entstehen » .
Mit dem Wanderzirkus unterwegs
Schliesslich warnte der Wetziker Finanzvorstand davor, alleine aus Kostengründen Know-how ins Ausland zu verlagern. So verliere die Schweiz nicht nur Arbeitsplätze und Wissen, sondern begebe sich in Abhängigkeiten. Das habe sich gerade zu Beginn der Coronakrise etwa mit den Schutzmasken gezeigt.
Und Corona war dann auch das Stichwort, um auf die teilweise repressiven Massnahmen in vielen europäischen Ländern hinzuweisen, die die Bewegungsfreiheit eingeschränkt hätten. Schliesslich kam der SVP-Politiker auch noch auf das Rahmenabkommen und die EWR-Abstimmung zu sprechen. Beide Male habe sich die Schweiz mit einem Nein ihre Souveränität bewahrt. « Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit , denn nur jene Menschen können sie erhalten, welche sich dafür aktiv einsetzen » , schloss Vettiger seine tatsächlich länger gewordenen Rede.
Nach der geistigen wies Bassu auf die fleischliche und pflanzliche Nahrung hin, die die Stadt offerierte. Nun würden auch die Politiker gerne rasten, ehe der städtische « Wanderzirkus » dann nach Oberwetzikon weiterziehe. « Und wer noch Hunger hat, kann uns gerne begleiten. »
