Wir hören sie jeden Abend als Feierabendmahner, am Sonntag als Zurkirchekommmahner oder verschiedentlich mitten am Tag als Erinnerungsmahner. Sie gehören zur Kultur und wohnen in Kirch- oder anderen Türmen. Sie klingen dumpf, hell, getragen oder nervös. Sehen können wir sie selten, ihre Wahrnehmung geschieht über die Ohren – Glocken. Umso erstaunlicher ist es, sie im Museum hängen zu sehen und aus der Nähe zu hören. So im Erweiterungsbau von David Chipperfield des Zürcher Kunsthauses.
Ein grosser Raum ohne Bilder, Skulpturen oder Installationen wirkt leer, fremd und wirkungslos. Sobald sich aber ein Glockengestell drin befindet, erhält der Raum die künstlerische Legitimation – es ist klar ein Saal für Kunst. Und wenn die Glocken gar angeschlagen werden, ist es multimediale Kunst.
Befremdlich sind allerdings die Glocken am «falschen» Ort. Wie wenn ich einen Menschen treffe, von dem ich weiss, dass ich ihn kenne aber nicht drauf komme, wer er ist. Bis ich kapiere, dass ich ihn normalerweise in einer bestimmten Berufsfunktion an einem ganz bestimmten Ort erlebe. Auf der Strasse sieht er ganz andres aus. So auch die Glocken: nach dem ersten, erschreckend lautem Bumm, wirken sie im Kunsthaus ganz normal. (Guy A. Lang)

