Wartezimmer zeichnen sich im Allgemeinen nicht durch eine besondere Atmosphäre aus. Man sitzt da, schaut auf den Boden oder an die gegenüberliegende Wand und die Minuten fliessen zäh wie Scheibenkleister durch die Zeit. In diesem Umfeld lachte mir plötzlich eine strahlende Michelle Gisin entgegen. Nicht etwa als Leidensgenossin, sondern vom Titelblatt der «Schweizer Illustrierten».
Da es mir nun wirklich so etwas von egal ist, wer von der Schweizer Cervelat-Prominenz wen geheiratet oder wieder verlassen hat und neu mit wem zusammen ist, gehört die «SI» nicht zu meinen Leibblättern. Wenn aber eine Michelle Gisin die Frontseite ziert, zähle auch ich mich zur aufmerksamen Leserschaft.
«Es ist herzzerreissend, wie der Gletscher am Titlis schmilz!» Dieser Satz, unter einer lachenden Bundesrätin und einer strahlenden Michelle Gisin, weckt mein Interesse und so beginne ich zu blättern.
Auf Seite 3 betitelt der Co-Chefredaktor seinen Kommentar zur CO2-Abstimmung mit folgenden Worten: «Das Klima ist vergiftet!» Ein Journalist klagt über einen Zustand, für welchen seine Gilde die Hauptverantwortung trägt.
Wenn ich Herrn de Schepper auf dies aufmerksam machen würde, bekäme ich die gleiche Antwort, welche auch Sie, Frau Gisin, auf Seite 15 geben: «Ja, daran kann ich leider nichts ändern!» Herr de Scheppers Berufsziel ist, die Auflagen zu erhöhen, damit viele Inserate geschaltet werden. Und dort hört der Spass, oder besser gesagt die Moral, auf.

