Politik

«Ich gehöre wohl zur Generation Easyjet»

Die jungen Erwachsenen haben das CO₂-Gesetz überraschend deutlich abgelehnt. Was haben sie sich dabei überlegt? Über eine Generation in der Zwickmühle.

«Ich gehöre wohl zur Generation Easyjet»

Was haben sich die Jungen gedacht?

Das Nein zum CO₂-Gesetz am letzten Sonntag hat eine vermeintliche Gewissheit erschüttert: Es ist möglicherweise doch nicht die junge Generation, die im Kampf gegen den Klimawandel vorangeht. Die 18- bis 34-Jährigen haben das CO₂-Gesetz deutlicher abgelehnt als jede andere Altersgruppe. Zu diesem Ergebnis kommt die Nachwahlbefragung von Tamedia und 20 Minuten. (Lesen Sie hier mehr zur Umfrage.)

Doch was waren ihre Gründe? Antworten liefern Gespräche mit jungen Nein-Sagern. Allesamt keine Sympathisanten von Polparteien, sondern Vertreter der politischen Mitte. Dort, wo in der Schweiz Abstimmungen entschieden werden.

Der 20-jährige Cristian Fabbro ist Verwaltungsangestellter aus Bettlach SO und FDP-Mitglied.

Er sagt:

«Ich gehöre wohl zur Generation Easyjet. Ich fliege gern   im Winter für wenige Tage nach Barcelona. Trotzdem ist mir der Klimaschutz wichtig. Wir müssen etwas gegen den Klimawandel tun. Die Lösung kann allerdings nicht Verzicht und höhere Abgaben sein. Darum war ich gegen das CO₂-Gesetz. Ich sehe die Lösung vielmehr in der technologischen Entwicklung – vor allem im Wasserstoff. Mit diesem Fortschritt sollte es möglich sein, bis 2050  n etto  n ull zu erreichen.»

Sobald es ums Portemonnaie geht, wird es schwierig

Klimaschutz ist der jungen Generation wichtig. Keiner der Jungen, mit denen diese Zeitung gesprochen hat, zweifelt den menschengemachten Klimawandel an. Auch für den Klimastreik fallen lobende Worte. Fabbro sagt: «Es braucht diese Bewegung. Sie sorgt dafür, dass das Thema auf der politischen Agenda bleibt.»

Die Abstimmung zeigt: Die Jungen unterstützen zwar die Sache, wollen aber im konkreten Fall doch nicht verzichten. Politologin Cloé Jans vom Meinungsforschungsinstitut GFS überrascht das nicht. «Wir haben schon in früheren Umfragen festgestellt: Die Sorge ums Klima bei den Jungen ist gross, vermutlich noch grösser als in der Gesamtbevölkerung.»

Jans hat im November 15- bis 25-jährige Schülerinnen und Schüler befragt. 53 Prozent von ihnen sympathisieren mit dem Klimastreik. Die Bereitschaft aber, für den Klimaschutz auf etwas zu verzichten oder mehr zu zahlen, sei dagegen kleiner. «Sobald es ums eigene Portemonnaie geht, wird es schwierig.»

Kaum einer lehnte das Gesetz ab, weil es zu schwach war

Auf die Umfrage von Jans berief sich der Klimastreik, als er am Sonntagabend trotz dem Nein zum CO₂-Gesetz verkündete: «Mehr als die Hälfte aller jungen Menschen unterstützt den Klimastreik.» Jans spricht von einem schwierigen Moment für die Bewegung. Ihre politische Bedeutung werde plötzlich angezweifelt. «Das Nein ist klar ein Sieg für die SVP, für jene also, die bei den Massnahmen gegen den Klimawandel bremsen», sagt sie. In der Nachwahlbefragung hatte eine Minderheit von lediglich zwei Prozent angegeben, dass sie Nein gestimmt hätten, weil sie ein schärferes CO₂-Gesetz wollten.

Zur Mehrheit gehört der 19-jährige Student Rocco Sager, der sich politisch zwar Mitte-links zugehörig fühlt, aber trotzdem Nein gestimmt hat. Er sagt:

«Autofahren ist meine grösste Leidenschaft. Erst vor  k urzem habe ich mein erstes Auto gekauft. Steuern, Abgaben und Versicherungen sind jetzt schon teuer. Und nun wollten sie noch mehr fürs Benzin verlangen. Das war für mich der wichtigste Grund für das Nein. Aber auch der Einsatz gegen den Klimawandel ist mir wichtig. Ich kaufe regional und saisonal ein und nutze den öffentlichen Verkehr, wenn ich in die Stadt muss. Ich sehe aber nicht ein, wieso ich als Autofahrer bestraft werden soll, damit die Schweiz ihr Klimaziel erreicht. Dagegen würde ich einem neuen  CO₂- Gesetz zustimmen, dass klimafreundliches Handeln attraktiver macht. Man muss nicht Schädliches teurer, sondern Nützliches billiger machen.»

Zustimmung erodierte im Abstimmungskampf

Die Nein-Kampagne der SVP und der Öl-Lobby hat stark auf Warnungen vor höheren Preisen für Mobilität gesetzt. Das habe verfangen, sagt Rolf Wüstenhagen, Professor für Wirtschaft und Ökologie an der Universität St. Gallen. Er fragt seit einem Jahrzehnt die Stimmung in der Bevölkerung zu Energie- und Klimathemen ab. Noch im letzten Jahr sagten 78 Prozent der unter 30-Jährigen, dass sie dem Emissionsziel netto null bis 2050 zustimmen. Das CO₂-Gesetz hätte eine wichtige Etappe auf dem Weg dahin sein sollen.

Heute spricht Wüstenhagen von einer Erosion der Zustimmung zum Gesetz im Verlauf des Abstimmungskampfs. Das habe auch mit einem symbolischen Stellenwert des Autos zu tun. Warnungen vor höheren Kosten wirkten hier stärker als Warnungen vor höheren Stromkosten. 2017 hatte die Bevölkerung deutlich Ja gestimmt zur Energiestrategie 2050 und dem Atomausstieg. Bei den Jungen war die Zustimmung damals am grössten.

Es geht ihnen auch um Existenzen

Für Junge sind aber höhere Benzinpreise nicht nur ein Symbol. Für manche geht es auch um existenzielle Fragen, vor allem dann, wenn sie im Tieflohnsegment arbeiten. Über 183’000 Personen verdienten 2020 in der Schweiz ihr Geld im Gastgewerbe, mehr als die Hälfte davon war jünger als 39. Wie zum Beispiel Daniela Hoyos. Die 27-Jährige arbeitet am Flughafen Zürich und serviert den Vielfliegern vor dem Abflug Kaffee und Bier.

Sie sagt: 

«Ich hätte das  CO₂ -Gesetz ganz klar abgelehnt. Hätte  –  denn zum Abstimmen fehlt mir noch der Schweizer Pass. Wir zahlen schon genug Steuern und Abgaben. Mein Lohn ist sehr tief. Während der Pandemie waren wir am Flughafen auf Kurzarbeit. Das Auto ist für mich heute schon ein Luxus. Dabei bin ich darauf angewiesen. Ich beginne morgens um 4.30 Uhr bei der Arbeit, da fährt kein Bus oder Zug. Auch nicht, wenn man in Kloten selbst wohnt. Das Auto kostet mich jetzt etwa 8000 Franken im Jahr. Wird es teurer, kann ich mir das nicht mehr leisten. Klar, man muss etwas für  das  Klima tun, aber es ist schwierig, eine Lösung zu finden, die für uns alle stimmt.»

Dass das Gesetz nicht für alle stimmt, kritisierten im Abstimmungskampf auch Exponenten des Klimastreiks: Das Gesetz sei nicht sozialverträglich. Man reguliere den Konsum von Einzelpersonen, verschone aber die grossen Player. Der Staat müsse es möglich machen, dass auch jene in heute prekären Arbeits- und Lebensbedingungen dereinst ökologisch und sozialgerecht leben können.

Die Angst vor dem sozialen Abstieg

Meinungsforscherin Cloé Jans sagt dazu: «Das Klima ist nur eines von vielen Themen, die den Jungen Sorge bereiten.» Ihr Bedürfnis nach Sicherheit sei grösser als bei früheren Generationen. Hinzu kämen Ängste vor dem sozialen Abstieg, die Furcht davor, schlechter zu leben als frühere Generationen. Deshalb bestehe für viele Junge bei einer Abstimmung wie dem CO₂-Gesetz ein Zielkonflikt: Entsprechend ihrer Grundhaltung zum Thema Klima müssten sie Ja stimmen, doch viele sind nicht bereit, die Kosten eines Ja zu tragen.

Aus Sorge um ihren Job hat auch die 32-jährige Angela das CO₂-Gesetz abgelehnt. Die Flight-Attendant möchte nicht mit vollem Namen zitiert werden. Sie sagt:

«Das Gesetz wäre schlecht gewesen für die Flugbranche. Wenn die Abgaben und Tarife noch höher werden, fliegt doch kaum jemand mehr. Und nach einem so schlechten Jahr für die Luftfahrt sollte man diese nicht zusätzlich belasten. Ich hatte Angst um meinen Arbeitsplatz.»

Hat die Politik die existenziellen Sorgen von Menschen wie Daniela Hoyos und Angela zu wenig ernst genommen? Immerhin war vorgesehen, dass ein Teil der Einnahmen aus der neuen Abgabe auf Flugtickets an die Bevölkerung hätten zurückfliessen sollen. Viele hätten am Ende unter dem Strich gar mehr Geld zurückbekommen.

Politologin Cloé Jans und Ökonom Rolf Wüstenhagen sagen beide, dass die Befürworter des Gesetzes die Vorteile schlecht vermittelt hätten. Diese Abstimmung habe gezeigt, dass die Sorge um das Klima in der Bevölkerung zwar real, die Einführung von Gegenmassnahmen aber kein Selbstläufer sei, sagt Jans.

Und nimmt damit das auf, was für viele Junge am vergangenen Abstimmungssonntag wohl ausschlaggebend war: Klimaschutz ja, aber nicht auf meine Kosten. (Luca De Carli, Lisa Aeschlimann)

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