Politik

Ein Jahrzehnt als Energydrink

Die Achtzigerjahre, schreibt der deutsche Poptheoretiker Jens Balzer, waren das Probejahrzehnt unserer Gegenwart. Ein Rückblick auf Hoffnungen und Exzesse, inklusive Playlist.

Ein Jahrzehnt als Energydrink

Sie sind die Amazonen einer neuen Körperkultur. Sie tragen Ganzkörperdresses aus Latex und bewegen sich zu den Anleitungen ihrer Vorturnerin. «Aerobic» nennt sich die neue Bewegung, welche die Selbstoptimierung zum Volkssport erhebt. Jane Fonda hat sie mitentwickelt, die politisierte Schauspielerin. Sie nennt ihren Sport Work-out. Das erste Übungsvideo erscheint 1982; es verkauft sich weltweit.

Work-out: Sport als Arbeit am Körper. Und als Symptom einer sich ausbreitenden Leistungsgesellschaft, die von den Angestellten dasselbe verlangt wie das Aerobic von den Körpern: Flexibilität für alle Ansprüche, also Biegsamkeit. Nur wer die Ausdauer hat, mag mit der Konkurrenz mithalten.

Jens Balzer, der deutsche Poptheoretiker mit Standort Berlin, Philosoph und Informatiker, nennt sein Buch über die Achtzigerjahre «High Energy», in Anlehnung an einen Tempostil der amerikanischen Schwulenszene. Tatsächlich wird das Jahrzehnt von einer unablässigen Beschleunigung durchpulst.

Es ist das Jahrzehnt von Lady Diana und Nelson Mandela, Madonna und Prince, der Schulterpolster und Synthesizer, der Mikrowelle und der Videokassette, des Schlabberpullis und des Palästinensertuchs, des Rubik-Würfels und des Gameboy, von Rap bis Hip-Hop. Lebensstile werden als Haltung ausgegeben, Identitäten ausgetauscht, der Glanz der Oberfläche poliert und die Gesichter zu Fassaden geformt. In Zürich brennt die Bewegung und verglüht auf dem Platzspitz. Und giftig leuchten in den Bars die neuen Drinks.

Im Gegensatz zum Schillern dieser Jahre beschwören die neu gewählten Konservativen, die in den USA, Grossbritannien und Deutschland an die Macht kommen, die Rückkehr zur Tradition der Kernfamilie. Ronald Reagan gibt sich grossväterlich. Margaret Thatcher stellt die Gesellschaft als Ganzes infrage. Und Helmut Kohl verspricht eine geistige und politische Wende. Politisch gesehen, sollen die Achtziger rückgängig machen, was die Achtundsechziger erreicht haben.

Zurück in die Vergangenheit

Die Ironie an der Beschwörung der Kleinfamilie liegt darin, dass die neuen Machthaber die Bevölkerung unter jenen Druck setzen, von dem sie sie zu bewahren behaupten. Sie deregulieren die Wirtschaft, forcieren den Rückzug des Staates und lassen die Innenstädte verarmen.

«Das gehört zu den zentralen Widersprüchen der Achtzigerjahre», sagt Jens Balzer im Gespräch: «Die Sehnsucht nach Übersicht kollidiert mit einer systematischen Beschleunigung.» Im Film «Back to the Future» von 1985 sieht er den Widerspruch symptomatisch dargestellt: Die Fünfziger, in die der Teenager Marty McFly mittels Zeitmaschine zurückfährt, sehen aus wie eine gemütliche Version der Achtziger. Man könnte auch sagen: Das Kleinstadt-Amerika bleibt sich gleich.

Und doch ändert sich vieles in diesem Jahrzehnt. Der Feminismus erstarkt, die Schwulen und Lesben tragen ihre Liebe in die Öffentlichkeit, eine etwas verklemmte Gesellschaft entdeckt den Hedonismus. Und egal, wie oft Helmut Kohl die moralische Rückwende einfordert: Die Kernfamilie löst sich auf. Die Zahl der Eheschliessungen nimmt ab, jene der Scheidungen zu.

Immer mehr Alleinerziehende treffen auf neue Partner, die ebenfalls Kinder mitbringen. Der amerikanische Begriff der Patchwork-Familie breitet sich als Phänomen in Europa aus. Und bewirkt aus dem Erzwungenen heraus auch Gutes: Nachdem die alten Beziehungen zerfallen sind, entstehen neue. Nicht alle mit mehr Hoffnung, aber die meisten mit weniger Bitterkeit.

Die Yuppies ziehen ein

Was gehen uns die Achtziger noch an? Jens Balzer, Jahrgang 1969, hat das Jahrzehnt als Jugendlicher erlebt. Als er mit seinen Recherchen angefangen habe, sagt er, habe er die Achtzigerjahre «als etwas langweilig und absehbar» in Erinnerung gehabt, «ein Übergangsjahrzehnt ohne Höhen oder Tiefen». 400 Seiten später kommt er zu einem anderen Schluss. Die Gesellschaft habe sich in diesen Jahren stark entwickelt und in gewisser Weise unsere Gegenwart vorausprobiert, sagt er.

Dazu zählt er die Anfänge von Computertechnologie, Videokonsumation und CNN, aber auch eine Ausdifferenzierung der Stile, Geschlechterrollen und Haltungen. Die Gegenkultur der Siebziger, schreibt er, habe sich in den Achtzigern fragmentiert.

Die wichtigste Gruppierung des Jahrzehnts versteht sich aber nicht als Reaktion auf die Leistungsgesellschaft, sondern als ihre Vollstreckerin. Es ist die Kaste der Yuppies. Eine Egoistenkultur von Börsengängern, deren Vertreter mit Werten handeln, ohne welche zu schaffen. «Gier ist gut, denn Gier funktioniert», sagt Gordon Gekko, der Börsenmakler in Oliver Stones Film «Wall Street» von 1987.

Dem Yuppie gehe es darum, schreibt Balzer, Geld zu verdienen um des Geldverdienens willen, Reichtum zu erwerben, «um diesen Reichtum durch riskante und deswegen erregende Investitionen immer wieder aufs Spiel zu setzen und dadurch zu mehren». Und was den Hippies das Marihuana war, die Pflanze der Lethargie, bietet den Yuppies das Kokain. Für alle anderen bleibt der Energydrink, noch eine Erfindung der Achtzigerjahre.

Nur erklärt diese ganze Beschleunigung der Gesellschaft, der metallisierte Glanz der Tom-Cruise-Filme, die chic geföhnten Videomusiker, die neuen, kiloschweren Mobiltelefone noch nicht, was der Philosoph Jürgen Habermas Mitte der Achtzigerjahre als «neue Unübersichtlichkeit» erkennt. Was entzieht sich dem gleissenden Glanz, in dem diese Dekade funkelt? Was lauert unter der bunten Fröhlichkeit?

Das metallisierte Jahrzehnt

Es ist die Angst, schreibt Balzer, das dialektische Gegenmoment zur Beschleunigung. Die Angst vor einem Nuklearkrieg, die Demonstrantinnen und Demonstranten zu Hunderttausenden auf die Strasse treibt. Mit dem ersten Teil des sogenannten Nato-Doppelbeschlusses installieren die Westmächte Tomahawk- und Pershing-Raketen auf europäischem Boden, um mit der sowjetischen Aufrüstung gleichzuziehen.

Zwar bleiben die Raketen in ihren Silos, dafür kommt es im April 1986 in der Ukraine zu einem atomaren Super-GAU: Kernschmelze in Tschernobyl, eine ganze Region als Krebsstation, verseuchte Felder in Europa; unsichtbare Gefahr, kollektive Panik.

Auch die Umweltverschmutzung greift die Natur an. Saurer Regen, Waldsterben, Ozonloch, Sommersmog, verseuchte Flüsse, rauchende Abfalldeponien, Dioxin im Boden, Schwermetall in den Pilzen. Überdüngte Felder auf dem Land, dreckige Luft in den Städten. Die ökologischen Sorgen helfen den Grünen ins Parlament. Aber es sind noch viel zu wenig, um die Politik zu verändern.

Und noch eine Angst breitet sich aus in den Achtzigern, gegen die es kein Mittel gibt. Prince, der androgyne Superstar, wird sie in seinem Schlüsselsong «Sign o’ the Times» als «big disease with a little name» bezeichnen, grosse Krankheit mit kleinem Namen: Aids.

Weil das Virus zunächst die Homosexuellen trifft mit ihrem promiskuösen Lebensstil, wird die neue Krankheit zur Schwulenpest dämonisiert, zur Gottesstrafe gegen einen lasterhaften Lebensstil. Aber dann sterben auch die anderen.

Erstaunlicherweise kann Jens Balzer der Seuche etwas Positives abgewinnen: «Die Stigmatisierung von Aids als Krankheit der anderen führt dazu, dass sich eine ganze Generation sexuell erwachender Menschen in diesen anderen wiedererkennt», schreibt er.

Eines der ersten prominenten Opfer der neuen Krankheit ist ausgerechnet jener Intellektuelle, der die Vielfalt der sexuellen Identitäten feiert und damit die ganze Genderdebatte vorwegnimmt: Michel Foucault. Er stirbt am 25. Juni 1984 im Pariser Hôpital de la Salpêtrière, ohne seine Krankheit öffentlich gemacht zu haben.

Trotzdem endet das Jahrzehnt versöhnlich, mit einer Überraschung, die weltweite Auswirkungen haben wird. Und die trotzdem niemand vorausgesehen hat: Am 9. November 1989 fällt die Berliner Mauer. Der Kalte Krieg geht zu Ende, ohne dass es zu einem heissen gekommen ist. Die Achtzigerjahre, bilanziert Jens Balzer in seinem kühnen, detailreichen und brillant geschriebenen Buch, entwickeln jene medialen, wirtschaftlichen und politischen Beschleunigungen, die sich ab der Jahrtausendwende in ihre Extreme verzweigen werden – zum Besten und zum Schlimmsten. (Autor: Jean-Martin Büttner)

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