Der Bauernverband hat wieder gesiegt. Die Frage ist: War es eines der letzten Male?
Die Schweizer Stimmberechtigten haben die zwei Landwirtschaftsvorlagen abgelehnt: Sie sagten mit 60,7 Prozent Nein zur Trinkwasser- und mit 60,6 Prozent Nein zur Pestizidinitiative. Aber der Abstimmungskampf wurde heftig geführt, es gab Vandalen, Hasstriaden, Morddrohungen. Es war, als ginge es bei den Agrarinitiativen um alles. Und im Grunde tat es dies auch.
Karel Ziehli, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Universität Bern, sagt: «Die Trinkwasser- und Pestizidinitiative sind ein weiteres Indiz dafür, dass sich der Gesellschaftsvertrag zwischen den Bauern und dem Rest der Schweizer Bevölkerung verändert.»
Die Idee des Gesellschaftsvertrags lautet: Die Schweiz unterstützt die Bauern, und die Bauern ernähren die Bevölkerung. Während des Ersten Weltkriegs war die Lebensmittelproduktion im eigenen Land unzureichend, die Schweiz musste 85 Prozent des Getreidebedarfs importieren. Aus diesen Fehlern lernte man, weil man die Selbstversorgung gewährleisten wollte. Am 1. Januar 1954 trat das Bundesgesetz «Förderung der Landwirtschaft und Erhaltung des Bauernstandes» in Kraft, seit 2017 ist die Ernährungssicherheit in der Verfassung verankert.
In den 90er-Jahren erfolgten mehrere Reformen. Direktzahlungen an die Bauern wurden mit ökologischen Leistungsnachweisen verknüpft, die Landwirtschaft wurde ökologischer. Laut Karel Ziehli war dies die erste wichtige Veränderung im Gesellschaftsvertrag. Die Trinkwasser- und Pestizidinitiative setzten diesen Trend fort.

