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Politik

«Der Renten­zuschlag für gut verdienende Frauen ist reine Geld­verschwendung»

Am Mittwoch debattiert der Nationalrat die AHV-Reform. Ökonomin Monika Bütler kritisiert die «Zückerchenpolitik» und sagt, das Volk müsse mit Argumenten überzeugt werden.

Die Erhöhung des Frauenrentenalters auf 65 ist eigentlich nur ein kleiner Reformschritt, dennoch scheiterten bereits zwei Versuche. Seit dem Frauenstreik scheint der Widerstand sogar noch grösser geworden zu sein. Warum?
Monika Bütler: Ich habe tatsächlich das Gefühl, dass der Widerstand in jüngster Zeit gewachsen ist. Das hat wohl auch mit diesem Corona-Jahr zu tun. In den letzten 20 Jahren gehörten die Frauen eher zu den Gewinnerinnen auf dem Arbeitsmarkt. Von der aktuellen Krise sind nun Frauen stärker betroffen, vor allem jene mit Kindern. Sie hatten grössere Betreuungslasten zu tragen etwa in der Zeit, als die Schulen und Krippen geschlossen waren, selbst wenn dies in der Schweiz nur während einer relativ kurzen Zeit so war. Die Argumente für eine Angleichung des Rentenalters der Frauen an jenes der Männer haben sich dadurch allerdings nicht verändert.

Die Gewerkschaften führen ins Feld, dass die Lohngleichheit noch lange nicht erreicht sei. Zudem hätten die Frauen um ein Drittel tiefere Renteneinkommen. Sind das keine guten Argumente gegen die Erhöhung?
Ich finde es nicht sinnvoll, wenn verschiedene Formen der Ungleichheit miteinander verknüpft werden. Es gibt ja auch andere Ungleichbehandlungen: Männer führen oft den Militärdienst als Nachteil ins Feld, die Knaben haben mehr Mühe in unserem Schulsystem. Das tiefere Renteneinkommen der Frauen ist nur auf die zweite Säule zurückzuführen, nicht auf die AHV. Die Ungleichheit in der zweiten Säule wird nicht kleiner, indem das Rentenalter der Frauen nicht erhöht wird – im Gegenteil. Schon die Erhöhung des Rentenalters von 62 auf 64 hatte dazu geführt, dass die Frauen länger im Arbeitsprozess blieben. Und je länger eine Frau im Arbeitsprozess ist, desto höher wird das Altersguthaben in der Pensionskasse.

Die Debatte am Mittwoch im Nationalrat wird sich um die finanzielle Abfederung für die Übergangsgeneration drehen. Da geht es um monatliche Rentenzuschläge von 50 bis 150 Franken. Sind solche Zuschläge gerechtfertigt?
Richtig finde ich es, wenn die Frühpensionierung mit 64 für eine Übergangsgeneration subventioniert wird. Dies ermöglicht den vielleicht schon vor Jahren geplanten Ausstieg ohne grosse Rentenkürzung. Die Abfederung mit einem Rentenzuschlag hingegen ist nicht nur teuer, sondern hat auch eine schlechte Zielgenauigkeit. Im Durchschnitt sind die AHV Renten der Frauen nicht tiefer. Verheiratete Frauen ohne Kinder und mit geringer Erwerbstätigkeit sowie Witwen – sogar jene ohne Kinder – fahren im heutigen AHV-System sehr gut. Weniger gut abgedeckt sind Alleinstehende mit tiefem Einkommen – Männer und Frauen. Wenn schon, müsste diese Gruppe gezielt unterstützt werden.

Wie sonst soll man Rentenalter 65 dem Volk verkaufen als mit höheren Frauenrenten?
Manchmal dünkt mich, mit dieser Zückerchenpolitik entbinde sich die Politik von lästigen Diskussionen, etwa den Bürgerinnen und Bürgern zu erklären, warum das Rentenalter der Frauen angepasst werden muss. Dass auch gut verdienende Frauen wie ich einen Rentenzuschlag erhalten, ist reine Geldverschwendung.

Die Bürgerlichen fürchten den Widerstand der Gewerkschaften. Ziel der Abfederung ist es, den Widerstand gegen die Rentenaltererhöhung zu verringern.
Es wirkt auf mich so, als würde man es den Stimmberechtigten nicht zutrauen, die Argumente für die Erhöhung des Rentenalters zu verstehen. Stattdessen zahlt man der Übergangsgeneration breit gestreut etwas höhere Renten. Die Leute sind doch gescheit genug, um die Argumente zu verstehen – und sich dann dafür oder dagegen zu entscheiden.

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