Politik

Der Bahnhof Turbenthal ist ein Drehpunkt

Seit 120 Jahren bestimmen drei Häuser den Turbenthaler Bahnhofplatz. Jedes von ihnen kann seine Geschichte erzählen. Auch das Bahnhofsgebäude.

Der Bahnhof Turbenthal ist ein Drehpunkt

Seit geraumer Zeit ist der Bahnhofsbereich in Turbenthal zweckdienlich zubetoniert, erst gegen das Eskimo-Areal hin verliert sich die Zementierung etwas. Ungebrochen aber halten drei Häuser die Stellung. Auf alten Ansichtskarten sieht man – es muss um 1900 herum gewesen sein – das Hotel Schwanen zusammen mit dem Bahnhof; zwei Jahre später wurde das dritte markante Haus als Notariat in Betrieb genommen.

Zwei Jahrzehnte später wechselte dieses den Standort, worauf dort vorübergehend die Zürcher Kantonalbank einzog. Später, so in den 1960er-Jahren, befand sich im Haus mit heute verblassendem Charme noch eine Zahnarztpraxis.

Im Zentrum dieses Berichts steht jedoch das Bahnhofsgebäude, das im Eigentum der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) ist. Zum 1875 erbauten Haus ist in der Chronik zu lesen: «In Turbenthal entstand ein schmuckes Stationsgebäude, und von der Hauptstrasse her wurde für 1800 Franken ein direktes Verbindungsstück zum neuen Bahnhof angelegt.»

Bekannt für Blumenschmuck

Er dürfte in all den vielen Jahren Tränen der Freude und des Abschieds gesehen haben. Die kurze Betrachtung führt jedoch in die jüngere Vergangenheit, in der die Technik allmählich den Menschen am Schalter verdrängte.  

«Es war ein Paradies, im Güterschuppen zu spielen.»

Anita Scherrer, Tochter des ehemaligen Stationsleiters

Anfangs der 1960er-Jahre war Anton Scherrer als Stationsleiter nach Turbenthal abgeordnet worden, wo er bis zur Pensionierung blieb. Seine Tochter, Anita Scherrer, die heute in Niederweningen wohnt, erinnert sich zurück, wie die Familie damals in das Bahnhofsgebäude zügelte.

Es sei schon lässig gewesen, in dieser grossen Wohnung zu leben, vor allem, als um 1970 der Estrich ausgebaut wurde und zusätzliche Zimmer entstanden seien. Ihre Mutter, Gerda Scherrer, sei bekannt gewesen für den schönen Blumenschmuck auf dem Balkon. Zwar sei man etwas isoliert gewesen in diesem Gebäude, aber: «Es war ein Paradies, im Güterschuppen zu spielen.»

Dieser befand sich bis etwa im Jahre 2000 da, wo jetzt die Abstellmöglichkeiten für die Velos sind. Der Güterschuppen hatte eine wichtige Funktion, und ebenso der dafür zuständige Mitarbeiter, im SBB-Jargon «Schuppen-Muser» genannt.

Einer dieser Stationsarbeiter war Walter Kunz, der in und um diesen Ort herum 21 Jahre Ordnung hielt. Kunz und sein Kollege Josef Zumsteg traten 1991 zeitgleich in den Ruhestand und irgendwie konnte man sich das Areal ohne sie kaum vorstellen.

Solefässli fürs «Gyrenbad»

Zumsteg, der in die Stelle als stellvertretender Stationsvorstand 1967 antrat, hatte aufgrund des Personalmangels bei der SBB über das eigentliche Pensionsalter hinaus noch drei weitere Jahre gewirkt.

Vom Güterumschlagplatz erfolgte die Verteilung der Camionnage zu den Turbenthaler Geschäften. Lange Zeit noch nostalgisch mit Ross und Wagen. Ruth Zumsteg, Josef Zumstegs Wittwe, weiss gar noch zu berichten, dass bis in die 1960er-Jahre Solefässli von Rheinfelden angekommen sind, die bestimmt waren für das Kurhaus Gyrenbad.

Sparen im Warteraum

Der im Dorf gut integrierte Stationsvorstand Anton Scherrer hatte mit seiner Familie das Obergeschoss des Bahnhofsgebäude bewohnt, im Parterre waren der Schalter und eine Gepäckausgabe. Dazu gab es am langen Gang gelegen den etwas düsteren Warteraum.

Daniel Kamber, der 1989 zum Team stiess, lacht in der Erinnerung daran: «Wir mussten sparen und deshalb hatte es wenig Licht.» In den Wintermonaten, wenn die Oberstufenschüler von Wildberg und dem Neubrunnertal per Postauto in die Schule kamen, wurde der Raum jedoch ordentlich belebt und allerlei Schabernack getrieben.

Vom Karton- zum Zonenbillett

Ab 1980 gab es immer mehr bedeutende Änderungen, die Bahnbenutzerinnen und -benutzer wurden sukzessive in eine neue Ära geführt. Mit dem Taktfahrplan gab es zu den Hauptreisezeiten mehr Züge.

Doch eine markante Neuerung war dann die Umstellung auf den Zürcher Verkehrsverbund (ZVV). Hatte man im Schalterraum zuvor jeweils aus einem Billettkasten rechterhand die Kartonbillette genommen und abgestempelt, kamen nun Zonenbillette zum Einsatz.

Diese Änderungsarbeiten mussten 1990 in einer Nachtaktion erfolgen, gewissenhaft erledigt durch Josef Zumsteg und Daniel Kamber. Letzterer arbeitete noch mit Kurt Oehniger, dem wirklich letzten Turbenthaler Bahnhofvorstand, zusammen.

«Speziell war der Umgang mit den Gehörlosen.»

Daniel Kamber, ehemaliger SBB-Mitarbeiter

Technische Geräte wie etwa der Billettautomat (siehe Box) ersetzten zunehmend den Menschen. Die ganze Automatisierung des Betriebes, sie erfolgte ab 2012 bis 2013, ging schliesslich einher mit der gänzlichen Schliessung des Schalters. «Es war schon merkwürdig, man wusste, dass es kommt, dann war es unwiderruflich vorbei», erinnert sich Daniel Kamber.

Aufmerksame Bahnfahrer

Fragt man ihn, was er für Erinnerungen an die Schalterzeit in Turbenthal hat, muss er nicht lange überlegen: «Speziell war der Umgang mit den Gehörlosen.» Sie seien mit vorbereiteten Zetteln an den Schalter gekommen, meist mit einem Lachen im Gesicht. Und er knüpft gleich den Faden zum 1994 verstorbenen Alfred «Alfi» Feuz, der im Gehörlosendorf gelebt hatte.

Alfi hielt sich gerne im Bereich des Bahnhofs auf und übernahm ehrenamtlich kleinere Handreichungen. «Manchmal hat er an das Bürofenster geklopft, wenn er das Gefühl gehabt hatte, wir hätten die Abläuteglocke nicht gehört, die signalisierte, wann ein Zug den Bahnhof Rämismühle oder Wila verlassen hat», erzählt der heute pensionierte Kamber schmunzelnd.

Und obwohl bis heute im Bahnhof Leute kommen und gehen, wirkt er aktuell irgendwie verlassen. Doch die Wohnung ist bewohnt und der Kiosk, der vor einiger Zeit geschlossen wurde, soll auch gelegentlich wieder geöffnet werden. Dies war bei der zuständigen Immobilienverwaltung zu erfahren. ( Renate Gutknecht)
 

Die Büroklammer im Automaten

Vor rund 20 Jahren hat ein Mann eine Zwanzigernote in den Turbenthaler Billettautomaten geschoben. Doch das Billett kam nicht heraus. Auch der Versuch mit der Korrekturtaste fruchtete nicht s, die Note blieb drin. Für einen weiteren Versuch hatte er nicht genügend Münz und der Schalter war geschlossen. Die Tochter quängelte, der Zug kam und ging, er aber war noch da. In der Folge machte er sich auf den Weg, um an Kleingeld zu kommen.

Es war Samstag, der nächste Zug fuhr erst in einer Stunde wieder, er hatte genug Zeit. Am Montag war er dann am Schalter, um seinem Ärger Luft zu machen. «Ah, Sie sind das», antwortete das freundliche Gegenüber. «Dann ist dies Ihre Note. Sehen Sie, hier hat es eine Büroklammer und die hat den Automaten blockiert. Wir mussten deshalb den Störungsdienst kommen lassen», erklärte er und schob dem verdutzten Mann die Note zu. ( rg)

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