Politik

Müssen Dutzende Zürcher Pflegekinder ins Heim?

Künftig will der Kanton alle Pflegefamilien gleich behandeln. Das dürfte auf Kosten jener Kinder gehen, die besonders viel Betreuung brauchen.

Müssen Dutzende Zürcher Pflegekinder ins Heim?

Manchmal rastet Luis aus. Und zwar so richtig. Dann prügelt er auf alles und alle in seiner Reichweite ein. Auch mal mit einer Holzlatte. Gerade ist Luis deswegen für einige Tage von der Schule verwiesen worden. Nicht zum ersten Mal. Luis, raspelkurzes Haar, wache Augen und ein fröhliches Lausbubenlachen im Gesicht, ist noch keine zehn Jahre alt. Doch bringt er sein Umfeld regelmässig an die Grenzen. Und darüber hinaus.

«Wenn er einen Ausbruch hat, reagiert er auf nichts mehr. Dann hilft nur noch eines», sagt Pflegevater Patrick Tobler, «ihn festzuhalten, bis es aufhört. Das braucht Kraft und viel Durchhaltevermögen.»

Teure Betreuung

Die Arbeit mit Luis ist fordernd. Und da ist ja noch seine etwas ältere Schwester Antonia. Auch sie braucht Aufmerksamkeit. Beide Kinder sind schwer traumatisiert. Doch jetzt stehen die Toblers vor der Frage, wie lange sie sich die Betreuung von Luis und Antonia noch leisten können.

Eigentlich heissen die Toblers und ihre Pflegekinder anders. Aber die Pflegeeltern stehen unter Schweigepflicht. Deshalb bleibt der Wohnort der Toblers hier ungenannt, die Bilder anonymisiert. Auch die Gründe, die zur Traumatisierung von Luis und Antonia geführt haben, dürfen zum Schutz der beiden nicht genannt werden. Nur so viel: Bei den Eltern können sie nicht leben.

Mehr Anfragen als verfügbare Plätze

Die Toblers bilden eine professionelle sozialpädagogische Pflegefamilie. Anders als in normalen Pflegefamilien verfügt hier mindestens ein Elternteil über eine Fachausbildung. Und: Dieser Elternteil bezieht für die Arbeit mit den Pflegekindern einen Lohn.

Patrick Tobler zum Beispiel ist Sozialpädagoge, er arbeitete früher in einem Kinder- und Jugendheim. Immer wieder spürte er, dass manche Buben und Mädchen mit den Heimstrukturen, den wechselnden Betreuungspersonen nicht zurechtkommen: «Ich dachte oft, es wäre für diese Kinder einfacher, in einem familiären Rahmen aufzuwachsen.»

Als er von der Möglichkeit erfuhr, professioneller Pflegevater zu werden, besprach er sich mit seiner Frau – und das Paar bewarb sich bei der Stiftung Contetto, einem Zusammenschluss von sozialpädagogischen Familien. Heute ist Tobler für die Betreuung von Luis und Antonia zu 75 Prozent bei Contetto angestellt. Seinen Job als Heimleiter hat er gekündigt.

Die Nachfrage nach solchen Familien sei gross, sagt Contetto-Geschäftsleiterin Madeleine Siegrist: «Wir haben mehr Anfragen als Familien, die Kinder aufnehmen können.» Es sind meist jüngere Kinder aus schwierigen Verhältnissen, für die eine professionelle Pflegefamilie infrage kommt. Kinder, deren Eltern beispielsweise suchtkrank, gewalttätig oder psychisch krank sind. Kinder, bei denen absehbar ist, dass sie so schnell nicht wieder nach Hause können.

Und vor allem: Kinder, in deren Verhalten sich spiegelt, was sie daheim erlebt haben. Die in Heimen nicht ausreichend betreut werden können, weil sie zu viel Aufmerksamkeit brauchen, sich in Gruppen nicht integrieren können. Wie Luis und Antonia. Auch sie lebten ein paar Jahre in einem Kinderheim. Luis, damals noch ein Kleinkind, rastete auch dort regelmässig aus.

Kanton will nur noch Laien-Pflegefamilien

Geht es nach der Bildungsdirektion, sind die Tage der knapp 60 Profi-Pflegefamilien im Kanton Zürich allerdings gezählt, sie sollen binnen fünf Jahren abgeschafft werden. Wobei «abgeschafft» nicht ganz der korrekte Begriff sei, präzisiert André Woodtli, Chef des zuständigen Amtes für Jugend und Berufsberatung (AJB): «Künftig soll der Tagestarif für alle Pflegefamilien gleich hoch sein.» Konkret: 85 Franken am Tag. Zum Vergleich: Bei der Stiftung Contetto kostet ein Platz 230 Franken, wovon die Pflegeeltern 110 Franken Lohn und 50 Franken Spesen erhalten.

Hintergrund ist das neue Kinder- und Jugendheimgesetz, das voraussichtlich Anfang 2022 in Kraft treten soll. Das Gesetz krempelt die Finanzierung der sogenannten Familienhilfe regelrecht um.

Bisher übernahmen die Gemeinden den grössten Teil der Kosten, wenn ein Kind in ein Heim oder eine Pflegefamilie kam. Die Tarife waren kaum reguliert. Das führte zu einem recht freien Markt, die Anbieter richteten sich nach den Bedürfnissen. Sozialpädagogische Pflegefamilien zum Beispiel entstanden Ende der 1970er-Jahre aus der Not, weil viele Heime voll waren und die Aufnahme von schwierigen Kindern und Jugendlichen ablehnten. Oft waren es ehemalige Heimleiter wie Patrick Tobler, die solche Kinder daheim aufnahmen.

Künftig trägt der Kanton 60 Prozent der Kosten für die Familienhilfe, die restlichen 40 Prozent teilen sich die Gemeinden solidarisch nach Einwohnerzahl. Im Zuge dieser Neuerung will der Kanton auch die Tarife vereinheitlichen und die gewachsenen Strukturen vereinfachen. Die Profi-Pflegefamilien haben hier nach Ansicht des AJB keinen Platz mehr.

«Die Abgrenzung zwischen Laien- und professionellen Pflegefamilien ist schwierig, es gibt keine rechtlichen Vorgaben etwa bezüglich der Ausbildung der Pflegeeltern.»

André Woodtli, Chef des Amtes für Jugend und Berufsberatung

Woodtli begründet das so: «Die Abgrenzung zwischen Laien- und professionellen Pflegefamilien ist schwierig, es gibt keine rechtlichen Vorgaben etwa bezüglich der Ausbildung der Pflegeeltern. Wenn zum Beispiel jemand sehr erfahren im Umgang ist mit Pflegekindern, aber keine sozialpädagogische Ausbildung hat: Gilt er oder sie dann als Profi?»

Der Kanton will deshalb nur noch zwei Angebotstypen zulassen: hier die Heime, die ein pädagogisches Konzept einreichen und zahlreiche Auflagen erfüllen müssen, etwa was die Zahl und die Qualifikation der Betreuungspersonen angeht, aber auch in Bezug auf Standards wie Zimmergrössen und getrennte Toiletten und Duschen. Dort die Pflegefamilien, die wie eine normale Familie leben und funktionieren. Ihre Motivation soll möglichst keine finanzielle sein, daher die generelle Entschädigung von 85 Franken.

Und was ist mit Familien wie den Toblers? Sie dürften noch fünf Jahre zu den heutigen Bedingungen weitermachen, dann würde das Pflegeverhältnis zu Laienkonditionen weitergeführt – oder aufgelöst.

75 Prozent Lohn, Arbeit rund um die Uhr

Für Contetto-Geschäftsführerin Madeleine Siegrist ist klar: «Damit stehen die sozialpädagogischen Familien vor dem Aus.» Es sei eben etwas anderes, ob Verwandte – und die meisten der rund 600 Laien-Pflegeeltern im Kanton Zürich sind Verwandte – gegen ein eher symbolisches Entgelt ein nahestehendes Kind grosszögen, dessen Eltern gestorben oder krank seien, oder ob eine fremde Familie ein verhaltensauffälliges, oft traumatisiertes Kind aus schwierigen Verhältnissen aufnehme.

«Diese Buben und Mädchen brauchen eine ganz andere Betreuung. Sie sind manchmal selbst in Heimen untragbar, von der Schule ganz zu schweigen», sagt Siegrist. «Laien sind da schnell völlig überfordert.» Und es sei mit Sicherheit niemandem gedient, wenn die betroffenen Kinder von Institution zu Institution, von Familie zu Familie weitergereicht würden.

«Meine Frau und ich sind rund um die Uhr für die Kinder da. Auch in die Ferien begleiten sie uns.»

Pflegevater Patrick Tobler

Das sieht auch Patrick Tobler so. Ohne den Lohn, den er als Pflegevater erhält, müsste er auswärts arbeiten – und könnte die zeitintensive Betreuung von Antonia und Luis nicht mehr gewährleisten. Vor allem in diesen Tagen, wo Luis wegen seines Gewaltausbruchs nicht zur Schule darf. Sein Pflegevater muss sich viel Zeit für ihn nehmen, aber auch mit den Lehrpersonen telefonieren, mit der Beiständin, der leiblichen Mutter.

Dass der Kanton vermeiden wolle, dass Familien nur aus finanziellen Gründen Pflegekinder aufnähmen, sei ja gut und recht. Nur: «Ginge es mir um den Verdienst, würde ich das hier nicht machen. Meine Frau und ich sind rund um die Uhr für die Kinder da. Auch in die Ferien begleiten sie uns. Meine 75 Stellenprozent reichen aber oft nur für die Büroarbeit.»

Berichte wollen verfasst werden, er muss ein Journal über die Entwicklungsschritte der Kinder führen. Stehen die Toblers an, tauschen sie sich mit anderen Fachpersonen aus, nutzen Supervision oder Weiterbildungen. All das gehe deutlich über die Anforderungen und Aufgaben einer Laien-Pflegefamilie hinaus, betont Siegrist.

Widerstand überraschend gross

Noch ist die Abschaffung der Profi-Pflegefamilien nicht definitiv. Der Entscheid des Regierungsrats fällt erst im Sommer. Sicher ist: Der Widerstand dagegen ist gross. In der Vernehmlassung vom Februar sprachen sich nicht nur die Behindertenkonferenz und Fachverbände wie Avenir Social und Integras gegen die Neuerung aus. Auch die Sozialkonferenz des Kantons Zürich, in der alle Sozial- und Fürsorgebehörden des Kantons zusammengeschlossen sind, ist dagegen.

Hauptargument der Kritiker: Würden die professionellen sozialpädagogischen Pflegefamilien abgeschafft, würden die Behörden die betroffenen Kinder häufiger in Heime einweisen, was deutlich teurer sei. Gerade Kinder wie Antonia und Luis hätten kaum mehr eine Chance, in einer Familie aufzuwachsen. Auch bestehe die Gefahr, dass trotz einer Übergangsfrist von fünf Jahren ein Teil der heutigen Pflegekinder ins Heim müsse.

Pflegevater Patrick Tobler sagt: «Es kann doch nicht sein, dass Kinder wie Antonia und Luis ihre Pflegefamilien aus finanziellen Gründen verlassen müssen. Stabilität ist das Wichtigste für eine gesunde Entwicklung.»

(Autorin: Liliane Minor)

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