«Es ist sehr viel maskuline Expertise im Spiel»
Mrs Macdonald, vor sieben Jahren ist Ihnen etwas teils gelungen, teils zugestossen.
Das kann man allerdings sagen.
In Ihrem Buch «H wie Habicht» erzählten Sie, wie Sie die Trauer nach dem Tod Ihres Vaters zu bewältigen versuchten, indem Sie einen Habicht zähmten. Hat irgendetwas auf den Welterfolg dieses Buches hingedeutet?
Im Gegenteil. Als ich das Manuskript fertig hatte, habe ich mich eine Woche lang nicht getraut, es an den Verlag zu schicken. Ich war überzeugt, es sei frei von Inhalt. Es ist ja auch eine seltsame Geschichte, die in keine Schublade passt. Eine Geschichte über Habichte und Trauer eben.
War der Erfolg, als er dann kam, beängstigend?
Ich war wie im Schock. Wenn ich heute daran zurückdenke, die Bestsellerlisten, die Preise und Lesereisen: Ich konnte das alles gar nicht richtig geniessen, weil ich so verwirrt war. Es hat lange gedauert, bis ich begriffen habe, dass dieses Buch für viele Menschen sehr besonders war. Ich bekomme immer noch Briefe deswegen.
Sie konnten sich ausserdem ein Auto kaufen und ein Haus.
Ernsthaft: Vor dem Buch war ich so arm, ich habe von Linsen, Reis und Fertigcurry gelebt. Meine Mutter hat sich grosse Sorgen um mich gemacht. Jetzt bin ich nicht mehr pleite und kann es immer noch kaum glauben. Entschuldigung, ich muss jetzt einfach fragen: Höre ich da Vögel im Hintergrund?
Zwei Papageien. Sie sind leider auch im Nebenzimmer noch sehr präsent.
Oh wie grossartig! Welche Art? Können Sie mal einen vor die Kamera holen? … Ein Graupapagei! Hello, Sweetie! Ich freue mich ja so, das zu sehen. Wissen Sie, ich hatte meinen Papagei Birdoole 18 Jahre lang, und im Januar ist er in meinen Händen gestorben. An Altersschwäche, vermute ich.
Oh je, das tut mir sehr leid.
Papageien sind nicht wie Hunde und Katzen, eher wie Menschen. Ich vermisse ihn schrecklich. Obwohl es, wie Sie sicher wissen, eine Herausforderung ist, als Autorin einen Papagei zu haben. Ständig hat er sich auf meine Tastatur gesetzt und es mir unmöglich gemacht zu tippen.
In meiner Tastatur fehlen drei Buchstaben.
Haha, exakt! Aber die Kommunikation ist erstaunlich. Ich erinnere mich, ich sass mal kurz vor Mitternacht noch am Rechner, weil ich einen Text fertig schreiben musste. Der Papagei wollte schlafen, aber ich habe ihn ignoriert. Da ist er auf meine Schulter geklettert, hat seinen Schnabel an mein Ohr gedrückt und Schnarchgeräusche gemacht. Wo waren wir stehengeblieben?
Ihr neues Buch, eine Essaysammlung, ist erstaunlich politisch geworden.
Auf den ersten Blick schreibe ich über Tiere, Pflanzen, Naturphänomene. Aber in Wahrheit geht es um Heimat, Grenzen und Identität, um Artensterben und den Klimawandel.
Macht Sie die Vorstellung traurig, dass so viele Kinder heute ohne jeglichen Naturbezug aufwachsen?
Als ich zuletzt in Deutschland war, habe ich bei einem Interview etwas in der Art gesagt. Der Journalist sah mich streng an und sagte: «Wenn man in der Stadt aufwächst, ist man als Mensch also weniger wert?» Nein, natürlich nicht! Es gibt diese romantische Vorstellung aus dem 19. Jahrhundert, dass man hinaus in die Wildnis gehen müsse, um mit der Natur verbunden zu sein. Dabei ist die Natur überall. Sehen Sie hinter mir der Kamin, er ist voller Spinnennester. Ich glaube, wenn du in der Stadt aufwächst und aus sozialen oder finanziellen Gründen keinen Zutritt zur Wildnis hast, kannst du dir immer noch die Spinnen und die Vögel anschauen.
Hat der Lockdown die Menschen wieder näher an die Natur herangerückt?
Oh ja, und es war für viele von uns eine Offenbarung. Zum ersten Mal hatten wir Zeit, rauszugehen und der Natur unsere ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken: Fasanen auf einem Feld, einem Reh am Horizont, dem Nebel in einer Talmulde. Ich will den Lockdown nicht beschönigen, aber dieser Aspekt ist verdammt noch mal grossartig. Ich verbringe normalerweise viel Zeit damit, vorsichtig darauf hinzuweisen, dass die Natur nicht zu unserem Vergnügen da ist. Aber sie tut uns gut und spendet Trost, keine Frage.
«Ich glaube, dass Expertise glorifiziert wird.»
Müssen wir wissen, was wir dort draussen sehen, um eine Verbindung herzustellen?
Das ist die 64’000-Dollar-Frage. Es ist wirklich kompliziert, die Antwort ist zweiteilig. Wollen Sie sie hören?
Bitte.
Ich glaube, dass Expertise glorifiziert wird. Ein Beispiel: Manchmal finde ich Pilze, die ich nicht kenne, über die ich aus irgendwelchen Gründen aber schreiben will. Ich bin versucht, in meinem Bestimmungsbuch nachzuschlagen, weil ich als Autorin diese Pilze kennen sollte und meinen Lesern gerne zeigen würde, wie viel ich weiss. Dann muss ich mich stoppen. Weil ich das für unehrlich halte. Viel besser ist es doch, die Leser mitzunehmen und es mit ihnen gemeinsam herauszufinden. Ich glaube, das Genre des Nature Writing leidet seit Langem darunter, dass… Ich werde jetzt etwas Boshaftes sagen.
Lassen Sie es raus.
Es ist sehr viel maskuline Expertise im Spiel. Für mich als Leserin fühlt sich das an wie ein Spaziergang mit einem Mann, der alles weiss. Er zeigt mir Pflanzen und Tiere, sagt, wie sie heissen und was sie bedeuten. Was er mir aber vor allem vermittelt: Haben Sie ein Glück, dass ich hier bin und Ihnen die Welt erkläre!
Aber es schadet auch nicht, wenn beim Blick nach draussen ein wenig Wissen hinzu kommt, oder?
Das ist die andere Seite der Medaille. Der Ethnologe Barry Lopez hat gesagt: «Du musst die Namen kennen, um von der Welt erzählen zu können.» Wer die Namen nicht kennt, kann eine Wiese betrachten und glaubt, die glückliche Natur zu sehen. Wenn du aber weisst, dass es nur eine Monokultur aus Weidelgras ist mit ein bisschen Löwenzahn dazwischen, wenn du es mit einer wilden Wiese vergleichen kannst voller unterschiedlicher Pflanzen, dann passiert dir dieser Irrtum nicht. Expertise ist also schon wichtig. Sie sollte aber nicht als Torwächter missbraucht werden, um anderen Menschen den Zutritt zu verwehren.
Der Essay über Mauersegler hat Ihrem neuen Buch den Titel gegeben, «Abendflüge». Warum gerade dieser Text?
Mauersegler sind nicht wie andere Tiere. Du kannst sie nicht berühren, sie leben in der Luft wie Fische im Meer. Sie stellen eine Form der Transzendenz dar, ein Rätsel, das mich fasziniert. Es hat wissenschaftliche Studien mit Militär-Radar gebraucht, um die erstaunlichen Manöver dieser Vögel für uns sichtbar zu machen. Jeden Morgen und jeden Abend zur Dämmerung steigen sie kilometerhoch in die Luft, um sich zu orientieren. Sie sehen die Wolken am Horizont, die Sterne, polarisierte Lichtmuster. Die Vorstellung von diesen winzigen verlorenen Wesen, die so weit über uns in der eiskalten Dunkelheit dahingleiten, weil sie gemeinsam herausfinden wollen, wo sie sind und was sie als nächstes tun werden: Das ist eine herzzerreissende Metapher.
«Als der Albatros vorüberflog, bog er seinen Kopf, um mich anzuschauen mit seinen milden schwarzen Madonnenaugen. Mir fehlten alle Worte.»
Ist es Menschen möglich, die Natur zu betrachten, ohne in irgendeiner Form Menschliches zu sehen?
Ich denke da immer an das Zitat von Baudelaire: «Der schlimmste Streich, den uns der Teufel gespielt hat, war, uns davon zu überzeugen, dass er nicht existiert.» Uns wird gesagt, dass die Natur der eine Raum ist, der frei ist von menschlichen Bedeutungen. Tatsächlich laden wir sie mit unseren Bedeutungen auf, um uns im Umkehrschluss zu vergewissern, dass sie wahr sind. Ich selbst glaube, die Natur ist von einer grossen Andersartigkeit. Wenn wir uns aber sehr anstrengen, können wir an den vorgefertigten Bildern und Bedeutungen in unserem Kopf vorbeisehen und sie als das erkennen, was sie wirklich ist.
Ein Beispiel, bitte.
Vor einigen Jahren war ich in Neuseeland, um zum ersten Mal Königsalbatrosse zu sehen. Es sind Vögel, riesig wie Götter. Ich stand auf einer Landspitze, Wind kam auf, und plötzlich flog ein Albatros vom Meer her auf mich zu. Er war zu gross, um ihn zu begreifen. Als er vorüberflog, bog er seinen Kopf, um mich anzuschauen mit seinen milden schwarzen Madonnenaugen. Mir fehlten alle Worte. Ich kannte den Albatros von Coleridge, den Albatros von Baudelaire, all die alten Bilder und Geschichten, die immer mit Schuld verknüpft sind. Doch der Vogel, den ich da sah, hatte damit nichts zu tun.
Er war Ihnen kein bisschen vertraut?
Glauben Sie mir. Er hatte ganz und gar nichts Menschliches.
(Autorin: Tanja Rest)

