Herr Niehr, wem gehört die Sprache?
Thomas Niehr: Die Sprache gehört allen – und gleichzeitig niemandem. Sprache ist kein Ding, kein Objekt, auf das jemand Anspruch erheben kann, so wie auf ein Auto oder einen Hund. Sprache ist etwas, das die Mitglieder einer Sprachgemeinschaft miteinander teilen.
Dafür, dass die Sprache niemandem gehört, wird aber ziemlich heftig um sie gestritten.
Kritik an der Sprache gibt es wohl, seit es Sprache gibt. Typischerweise immer an der Sprache der anderen, die als nicht korrekt bezeichnet wird. Nur einige Beispiele aus der neueren Geschichte: Fremdarbeiter oder Gastarbeiter? Asylant oder Asylbewerber? Oder der Streit über die angebliche Überfremdung der Sprache durch Anglizismen. Oder die Debatte um die Rechtschreibreform – jahrelang ein Politikum, das in Deutschland sogar das Verfassungsgericht beschäftigte.
Ob Genderdeutsch oder N-Wort: Der Kampf um die richtige Sprache hat eine neue Intensität erreicht.
Auseinandersetzungen unter dem Etikett der Political Correctness kennen wir seit den 90er-Jahren. Doch es ist auch mein Eindruck, dass die Zahl und die Heftigkeit dieser Konflikte zugenommen haben. Der Hauptgrund dafür sind die sozialen Medien. Hier können die Akteure schnell und einfach Öffentlichkeit herstellen, um Sprachkonflikte zu lancieren. Gleichzeitig hat sich die Tonlage massiv verschärft.
«Sprachwandel muss nicht innerhalb eines Jahres geschehen.»
Im derzeit grössten Konflikt wollen Verfechterinnen und Verfechter der Gendersprache nicht einfach ein paar Wörter ändern, sondern gleich die Grammatik. Das ist doch eine neue Dimension.
Das kann man so sehen. Sprachwissenschaftler würden sagen: Jetzt gehts ums Sprachsystem. Es wird nicht mehr der Sprachgebrauch Einzelner oder einer Gruppe angegriffen. Sondern die Sprache selbst.

