Sie spricht mit dem Rebstock. Plaudert mit ihm jeden Tag. Erklärt ihm seine Arbeit, tadelt und lobt ihn. Ein Leben lang tut Corinne Buttet dies bereits schon. Das Zwiegespräch mit der Natur hat die 58-Jährige zur Königin gemacht. Bei der Fête des Vignerons, diesem alle 25 Jahre stattfindenden Winzerfest in Vevey, erhielt sie 2019 eines der begehrten, güldenen Weinblätterkrönchen – als erste Frau in der 400-jährigen Historie der Fête.
Doch Corinne Buttets Beziehung zum Rebstock ist gerade gestört. Denn die Winzerin aus Chardonne bei Vevey muss sich derzeit von Menschen, die durchs Lavaux spazieren und sie bei der Arbeit kreuzen, einiges anhören. Sie tue dem Rebstock nicht gut, sagen sie und fragen: Warum sie denn, nom de Dieu!, nicht auf dieses Gift verzichten könne. «Sie rufen ‹Mörder›», erzählt Corinne Buttet und blickt hinunter auf das Weinglas zwischen ihren Händen. Ein Chasselas von 2019, ihr Siegerwein.
Schatten auf der Sonnenterrasse
Der Abstimmungskampf zur Trinkwasser- und zur Pestizidinitiative wirft Schatten auf Corinne Buttets Arbeit und die sonnenbeschienenen Terrassen zwischen Lausanne und Montreux. Hier, in diesem atemberaubend modulierten Steilhang, sind die Kontraste besonders stark. Das Lavaux ist weltberühmt, Unesco-Welterbe, die Weinbauern angesehen, Lichtgestalten des öffentlichen Lebens. Und nun sollen sie Mörder sein, Giftler, Feinde der Natur. «Wir fühlen uns wie Prügelknaben», sagt Corinne Buttet.

