Politik

Wie viele Unfälle passieren auf Schweizer Seilbahnen?

Unveröffentlichte Daten des Bundes zeigen, dass die Technik äusserst verlässlich ist. Stattdessen führt menschliches Fehlverhalten zu Verletzten.

Wie viele Unfälle passieren auf Schweizer Seilbahnen?

Am Lago Maggiore verdichten sich die Hinweise. Absichtlich sollen Mitarbeiter das Sicherheitssystem der Seilbahn zum Monte Mottarone manipuliert haben, um den Betrieb nicht zu verzögern. Mehrere verdächtige Angestellte haben dies laut Lokalmedien gestanden.

14 Personen sind am letzten Sonntag oberhalb von Stresa (IT) in den Tod gestürzt, nur ein kleiner Junge überlebte. Das Gondel-Drama erschüttert, weit über die Landesgrenzen hinaus. Auch in der Schweiz fragt sich nun so manche Skifahrerin oder so mancher Wanderer, wie sicher Seilbahnen hierzulande sind.

Detaillierte Zahlen dazu hat das Bundesamt für Verkehr (BAV). Dieses führt die Nationale Ereignisdatenbank, in der sämtliche Zwischenfälle im öffentlichen Verkehr gesammelt werden – vom entgleisten Rangierzug über die defekte Tramtür bis zu Stürzen von Buspassagieren. Auch Seilbahnen müssen Unfälle und Störungen melden. Diese Zeitung erhielt Einsicht in die Daten. Dabei zeigt sich, dass auch in der Schweiz der Faktor Mensch über die Sicherheit entscheidet.

Wer verursacht Zwischenfälle?

666 Ereignisse mit Seilbahnen finden sich in der nationalen Datenbank für die letzten zehn Jahre. Eine Zunahme der Fälle ist dabei über die Jahre nicht zu erkennen. Was für die Betreiber spricht, denn sie haben die Kapazitäten der Anlagen im Vergleich zu 2010 deutlich ausgebaut.

118 Ereignisse wurden durch Naturereignisse verursacht. Wiederholt führten Wind und Sturm zu Kollisionen von Kabinen mit Masten. Auch umstürzende Bäume oder Lawinen haben verschiedene Anlagen malträtiert. Bei der Bahn von Wengen BE auf den Männlichen wiederum beschädigte vor Jahren ein Blitz das Tragseil, wie der Datenbank zu entnehmen ist. Viermal tobte die Natur gar so heftig, dass die Meldung «Absturz von Fahrzeug» erfolgte – verletzt wurde niemand.

In der Kategorie «Technik» gab es 187 Zwischenfälle. Gemeldet wurden defekte Lager, Kabinen, Motoren. Aber auch Seile oder Bremsen, die nicht funktionieren (Lesen Sie hier: So streng werden die Seilbahnen kontrolliert). Die meisten Ereignisse gehen aber eindeutig auf den Menschen zurück. 174-mal waren Reisende für Zwischenfälle verantwortlich, 143-mal das Bahnpersonal und 37-mal aussenstehende Drittpersonen.

Bei den Zwischenfällen mit Passagieren ging es meist um Probleme beim Ein- oder Aussteigen. Und auch Angestellte sind davor nicht gefeit. «Mitarbeiter wurde von einer Kabine in der Ausfahrt getroffen», heisst es bei einem Eintrag. Immer wieder kommt es aber auch zur «Fehlhandlung bei der Bedienung der Anlage». Bei einer Bündner Bahn etwa entgleiste deswegen das Förderseil, die Gäste mussten geborgen werden. Im Kanton Bern führte die unsachgemässe Bedienung einer Anlage dazu, dass die Gondel gegen die Station prallte. «Der Maschinist wird verwarnt und die Überwachung beziehungsweise die Kontrolle im Kommandoraum wird nochmals explizit geschult», ist zum Zwischenfall vermerkt.

Wie viele Tote und Verletzte gibt es?

Über 330 Millionen Personenkilometer werden in der Schweiz laut Bundesamt für Statistik jährlich mit der Luftseilbahn zurückgelegt. Die Gefahr, sich zu verletzen, ist dabei verschwindend klein, wie die Nationale Ereignisdatenbank verdeutlicht. In den letzten zehn Jahren kamen bei Seilbahnen insgesamt 272 Personen zu Schaden. 181 verletzten sich leicht, 77 schwer.

Dabei spielten technische Defekte kaum eine Rolle. Allermeist ist menschliches Fehlverhalten die Ursache für Unfälle mit Personenschäden – die Verletzungen gehen sehr häufig darauf zurück, dass Gäste und auch Angestellte nicht richtig ein- oder aussteigen und dabei zu Fall kommen.

Aber auch Fehler durch Mitarbeitende hatten teilweise Verletzte zur Folge. So schreibt das BAV im Sicherheitsbericht 2021, der am Donnerstag publiziert wurde: «Die Unfälle und die Zahl der Schwerverletzten gingen nach einem vorübergehenden Anstieg im Vorjahr wieder zurück. Dies gilt für alle Verkehrsträger mit Ausnahme der Seilbahnen, wo ein Anstieg der Unfälle aufgrund der Bedienfehler des Personals verzeichnet wurde, der aber im Bereich der statistischen Schwankungsbreite liegt.»

Insgesamt gibt der Bericht aber Entwarnung. Eine Fahrt mit der Seilbahn sei «deutlich sicherer» als die Reise im Individualverkehr, ist zu lesen. Was allerdings nicht heisst, dass Unfälle auf Gondel- oder Sesselliften nie tödlich enden. 14 Personen starben seit 2010 laut Datenbank.

Vergangenes Jahr stürzte  ein Sessel am Fronalpstock zu Boden . Ein 40-Jähriger starb, drei weitere Personen verletzten sich schwer. «Sessel von Seil gerissen nach Kollision mit Windenseil von Pistenmaschine», so der Kurzkommentar zum Fall. 2019 kam es auf der Gerschnialp in der Innerschweiz zu einem tödlichen Arbeitsunfall bei Instandhaltungsarbeiten. Ein Vorwurf ist offenbar niemandem zu machen, als Ursache wird ein technischer Defekt der Seile angegeben. Meist ist auch bei den Todesfällen ein «Fehlverhalten» die Ursache. Erfasst wurden aber auch gewisse Fälle, die in keinem Zusammenhang mit dem Verkehrsmittel standen. Etwa ein Fall aus dem Jahr 2010, bei dem ein Fahrgast noch in der Standseilbahn starb – wegen medizinischer Probleme.

Wie hoch ist der Sachschaden?

Die finanziellen Folgen halten sich in Grenzen. Insgesamt wurden in den zehn analysierten Jahren Sachschäden von 4,3 Millionen Schweizer Franken rapportiert. Zum Vergleich: Laut Seilbahnen Schweiz generierte die Branche allein 2019 einen Umsatz von rund 1,5 Milliarden.

Teuer zu stehen kam ein Motorschaden bei der Standseilbahn in Siders VS, der eine halbe Million Franken kostete. Schneemassen bei Turren OW beschädigten das Stützenfundament so sehr, dass es die Bahnbetreiber 350’000 Franken kostete. Und als das Förderband einer Talstation in Engelberg OW letztes Jahr in Brand geriet, entstand ein Schaden von 250’000 Franken.

Haben die Zwischenfälle Konsequenzen?

In der Datenbank des Bundes ist stets festgehalten, welche Massnahmen nach einem Zwischenfall ergriffen wurden. Das Spektrum ist breit. «Gleitschirmpiloten werden zurechtgewiesen, wenn sie zu nahe an den Seilbahnen fliegen», so die Konsequenz, nachdem ein Mann auf der Lauchernalp samt Passagier im Bahnseil landete. «Sensibilisierung der Mitarbeiter betreffend Arbeitssicherheit», lautete die Sofortmassnahme nach einem Unfall bei der Stöckalp.

Das Hauptproblem bleiben Verletzungen beim Ein- und Aussteigen. Machtlos sind die Betreiber nicht. Gemäss Berno Stoffel, Direktor des Branchenverbands Seilbahnen Schweiz, haben sie in den letzten Jahren viel in diesem Bereich unternommen. «Zum Beispiel werden neue Bahnen extra so gebaut, dass der Einstieg in die Gondeln eben ist und man nicht stolpert.» Mitarbeiter würden geschult, sodass sie zum Beispiel die Bahn verlangsamen, wenn ein besonders gebrechlicher Gast aufsteigen will. «Ein Teil der Verantwortung liegt am Ende aber auch beim Gast selber.»

Wird auch in der Schweiz ermittelt?

Wie in Norditalien, so landen auch hier verschiedene Fälle bei den Behörden. In den Daten ist 13-mal explizit erwähnt, dass die Polizei aufgeboten wurde. Sie kommt in der Regel zum Einsatz, wenn es Verletzte oder Tote gab.

Technische Unzulänglichkeiten hingegen landen bei der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle, welche dann die Ursachen erforscht. 17 Untersuchungen gab es seit 2010 bei Seilbahnen, wie es auf Anfrage heisst.

Hinzu kommen regelmässige Betriebskontrollen, wo vor allem die Technik im Fokus steht. Oder Audits durch das Bundesamt für Verkehr, bei denen auch die Arbeitssicherheit und die konkreten Abläufe im Betrieb genau durchleuchtet werden. 33 solche Prüfungen gab es im letzten Jahr laut BAV bei Seilbahnen, das sind mehr als bei Busunternehmen.

Laut Seilbahnen Schweiz ist schliesslich das Seilbahngesetz strikt. «Die Sorgfaltspflicht liegt klar bei den Betreibern», sagt Direktor Stoffel. Das Unglück am Lago Maggiore verunsichere die Menschen auch in der Schweiz. «Klar ist das beunruhigend. Ich lege aber meine Hand ins Feuer, dass so etwas bei uns nicht passieren kann.»

(Roland Gamp, Svenson Cornehls, Dominik Balmer)

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