Eine Schau im Krisenmodus
Nachdem die Klimakatastrophe die Moderne in Schutt und Asche gelegt hat, ist die ganze Weltgemeinschaft um einen Eichentisch versammelt. Durchs Fenster sieht man behelfsmässige Hütten. Die Zukunft ist vorbei, übrig bleibt nur die Vergangenheit mit Holzhockern und Ästen als Gabeln.
Die Installation «Refuge for Resurgence» gibt die Gefühlslage vor, mit der Chefkurator Hashim Sarkis die Architekturbiennale in Venedig bestreitet. Sein Motto klingt optimistisch: «How will we live together?» Doch wer nach eineinhalb Jahren Pandemieparalyse etwas Zuversicht erwartet hätte, wird enttäuscht.
Sarkis betrachtet eine Welt am Abgrund, krisengeschüttelt von Klimaerwärmung, Artensterben, Migrationsströmen, Überbevölkerung und Ungleichheit. Sein Befund ist nicht falsch, wenn auch zugespitzt. Doch Antworten findet man wenige in seiner Schau.
Die Architektur bei Hashim Sarkis ist in ständiger Alarmbereitschaft, wenn selbst Toiletten zu «Schlachtfeldern» der Identitäten werden, wie es heisst. Um darauf zu reagieren, beteiligt der amerikanisch-libanesische Architekt 114 Büros aus 46 Ländern – mit gleich vielen Frauen wie Männern. Und er öffnet seine Disziplin in alle Richtungen.
Die Architektin wird zur Sozialwissenschaftlerin, der Städtebauer zum Mikrobiologen, die Raumplanerin zur Umweltingenieurin. Am postapokalyptischen Eichentisch sitzen denn auch nicht nur Menschen, sondern Vögel, Pflanzen, Moose und Pilze. Ein Lösungsansatz heisst: Zurück zur Natur. In Rumänien wird ein Fluss renaturiert und verbindet so die Bevölkerung wieder mit Flora und Fauna. Ein Lexikon legt die übersehene Pflanzenwelt offen, die in den Barrios in Caracas verborgen ist, wo Gemüsegärten, Heilkräuter und Blumenbeete zwischen den einfachen Wohnbauten spriessen.
Eine andere Stossrichtung sucht die Erlösung in der Technik. Roboterarme von der Universität Stuttgart spinnen mit Glas- und Karbonfasern einen Pavillon, der 50-mal weniger wiegt als ein Massivbau. Auch die ETH Zürich verhilft dem Beton dank dem Computer zu einer neuen Leichtigkeit. Andere lassen die Erde gleich hinter sich und fantasieren, wie wir auf dem Mond bauen können.
Doch beide Ansätze – das Wunder der Technik hier, die Harmonie der Natur dort – bleiben einseitig. Gerade die Architektur hätte das Potenzial, das Beste aus den zwei Welten zu verbinden, sei es mit Fotovoltaik und Lehmbau oder mit computergefrästem Holz. Doch dies kommt in der Ausstellung zu kurz – wie überhaupt die Architektur an sich. All die erwähnten Krisen rufen nach Antworten, die im Raum, im Material und in der Konstruktion zu suchen sind. Wenige Projekte behandeln diese Fragen, darunter ein Spital von Manuel Herz in Senegal, eine dichte und doch dörfliche Baustruktur von Meng Fanhao in China oder ein serielles Holzhaus zur Nachverdichtung von LIN Architekten in Bremen.
Grosse Krise, grosser Massstab
Die diesjährige Biennale ist eine Schau im Krisenmodus. Die aktuelle Corona-Pandemie spielt darin allerdings keine grosse Rolle, obwohl die Ausstellung deswegen um ein Jahr verschoben wurde und also Zeit gewesen wäre, darauf zu reagieren. Doch die Stadt ist resilient. Sie hat schon die Pest und die Spanische Grippe überlebt, ohne dass ihre über Jahrtausende bewährten Vorteile obsolet geworden wären. Nur wenige werden sich in einen Kokon zurückziehen, der mit der Aussenwelt bloss über eine Strickleiter verbunden ist, wie eine Installation den Lockdown räumlich umsetzt.
Den zentralen Pavillon in den Giardini widmet Hashim Sarkis der dringlichsten Krise: der Klimaerwärmung. Ihre Dimension ist global, entsprechend grossmassstäblich sind die Projekte. Der Architekt, der mit der Kraft der Natur die steigenden Ozeane aufhalten will, wird zum Weltbauer und Erdschöpfer, der Beruf zur Erlöserdisziplin im Anthropozän überhöht. Grössenwahnsinnige Utopien sind ein probates Mittel der Architektur, um mit Zukünften das Heute wachzurütteln: Eine Installation zeigt vergangene Grossentwürfe von Bruno Tauts alpiner Architektur über Buckminster Fullers «Airocean World Town Plan» bis zu Archizooms «No Stop City» in den 1970er-Jahren.
Auffallend aber: Solche Utopien fehlen heute. Eine Ausnahme ist der Weltpark von Richard Weller, der die Biosphären von Alaska bis Patagonien, von Namibia bis in die Türkei verknüpfen möchte. Eine Naturinfrastruktur, sichtbar vom Mond. Die meisten anderen Installationen konzentrieren sich darauf, unsere Emotionen ob der drastischen Verluste zu wecken: Ein ritueller Klagegesang drückt in einem Video den Weltschmerz aus. Beim Schweizer Landschaftsarchitekten Günther Vogt tropfen die schmelzenden Alpengletscher wie Tränen von der Decke. In einem Glaskasten riecht man eine Blume, die der Mensch vor langer Zeit ausgerottet hat. Ein olfaktorisches Mahnmal unserer blinden Zerstörungsmacht, das die Architektur einmal mehr ratlos im Raum zurücklässt.
Dass die Baukultur durchaus praktische Antworten bereithält, erfährt man in einigen Länderbeiträgen. Manche Nationen wie Deutschland, Australien oder Kanada haben ihre Pavillons leergeräumt oder gar nicht erst eröffnet und die Ausstellung mittels QR-Codes in den virtuellen Raum verlagert – ein Fehlentscheid. Nach über einem Jahr am flachen Zoom-Bildschirm lechzen wir alle nach räumlichen Erfahrungen vor Ort.
Die USA errichten einen begehbaren Ausguck, der die ökologische und demokratische Holzständerbauweise zelebriert, mit der Amerika besiedelt wurde. Japan hat ein Holzgebäude zerlegt und nach Venedig verschifft. Am Boden verstreut erzählen die Elemente dessen Baugeschichte seit 1954 nach. Über Holz als flexibles Material berichtet auch Finnland, das damit während des Zweiten Weltkriegs auf die Flüchtlingskrise reagierte. Der Blick zurück redet die heutigen Probleme nicht klein, aber er relativiert sie und zeigt: Architektur kann die Welt verbessern – wenn man ihr nicht zu viel aufbürdet.
(Autor: Andres Herzog)

