«600 Franken im Jahr sind sehr viel Geld für uns»
Markus Mbote kramt einen Zettel hervor. Es ist ein Rezept für ein Darm-Medikament. «Ich werde es nicht in der Apotheke abholen», sagt der Mann. «Zu teuer, wir können es uns nicht leisten.» Damit die Krankenkassenprämie möglichst tief ist, hat er eine der günstigsten Kassen gewählt, das Hausarztmodell und zudem die höchste Franchise von 2500 Franken. So viel muss er in einem Kalenderjahr für Gesundheitskosten zahlen, bevor die Versicherung die Rechnungen übernimmt.
Die Limite ist noch lange nicht erreicht, weshalb Mbote wenn möglich auf Leistungen verzichtet. Der Mann, der eigentlich anders heisst, hat seit Jahren Probleme mit seinem Darm. Eine Darmspiegelung hat er aber aus finanziellen Gründen abgelehnt. Er meint: «Es wird schon gehen.»
Seine Frau hat kürzlich ein Töchterchen geboren, es ist das vierte Kind. Der freudige Anlass ist auch ein Kostenpunkt. Das Baby braucht Platz, Windeln und Kleider. Und es muss versichert werden.
Der Mbote-Haushalt ist einer von Zehntausenden, die Schwierigkeiten haben, die Krankenkassenprämien zu bezahlen. Markus Mbote arbeitet in der Pflege und verdient inklusive Kinderzulagen zwischen 4800 und 5000 Franken – je nachdem, wie viele Nächte er durcharbeitet. Er möchte dies oft tun, wegen der Nachtzulagen. Frau Mbote putzt im Stundenlohn, das bringt etwa 1300 Franken monatlich ein.
«Jede Überraschung wie ein Zahnarztbesuch ist ein Problem»
Markus Mbote
Die Familie lebt in einer Viereinhalbzimmerwohnung in einem Zürcher Aussenquartier und bezahlt 1920 Franken Miete. Gleichzeitig belaufen sich die Prämien, noch vor der Geburt des letzten Kinds, auf 1110 Franken monatlich. Das ist fast 20 Prozent des Einkommens und für die Familie kaum zu leisten. «Am Ende des Monats bleibt nicht viel übrig», sagt Mbote. «Jede Überraschung wie ein Zahnarztbesuch ist ein Problem», berichtet er. Je nach Lage sei bereits der Snack für einen Schulausflug eine kleine Hauruckübung.
Deshalb ist der Mbote-Haushalt einer von rund 230’000 im Kanton Zürich, die Prämienverbilligungen erhalten. Der Staat zahlt etwas mehr als die Hälfte von Mbotes Prämien (hier gehts zum Online-Rechner für Prämienverbilligungen). Und nun will ein Mitte-links-Bündnis aus SP, Grünen, Mitte, EVP und AL mit der Volksinitiative «Raus aus der Prämienfalle» erreichen, dass der Kanton seine Beiträge an Personen und Familien mit niedrigen Einkommen erhöht.
Gemäss einem Szenario der kantonalen Gesundheitsdirektion könnte ein Ja an der Urne bedeuten, dass die Bezugsberechtigten etwa 8 Prozent mehr Verbilligung erhalten. Den Kanton würde dies jährlich rund 40 Millionen Franken kosten. Die Mbotes erhielten rund 600 Franken im Jahr zusätzlich. «Das ist sehr viel Geld für uns», sagt Markus Mbote.
Der Mann, altersmässig ein Endvierziger, zeigt sich dankbar für die Hilfe. Er möchte unter allen Umständen verhindern, in die Sozialhilfe zu rutschen. Diese haben er und seine Frau früher bezogen. Mbote, in seiner früheren Heimat Hochschulabsolvent und in jungen Jahren Lehrer, ist vor knapp 20 Jahren aus einem afrikanischen Land mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen geflüchtet. Inzwischen ist er Schweizer Bürger. Zwar habe der Staat damals alles bezahlt, doch das sei kein Leben gewesen, meint Mbote.
Deshalb hat er Deutsch gelernt und sich um Jobs und eine Ausbildung bemüht. Heute ist Mbote stolz, möglichst viel selber zu erwirtschaften – mit der Einschränkung, dass seine Familie auf Prämienverbilligungen angewiesen ist und glücklich ist, vom Hilfswerk Caritas Zürich ab und zu einen Zustupf zu erhalten – etwa für den Mittagshort der drei älteren Kinder.
(Autor: Pascal Unternährer)

