Herr Berset, war es das jetzt? Erleben wir gerade das Ende der Pandemie?
Alain Berset: Ich hoffe es. Bis die gesamte Pandemie überwunden ist, wird es noch einen Moment dauern, auch weil viele Länder noch keinen Zugang zu Impfstoff haben. Aber bei uns habe ich den Eindruck: Ja, das Schlimmste liegt hinter uns.
Wie gross ist das Risiko, im letzten Moment doch wieder in eine nächste Welle zu laufen? Es wäre ja nicht das erste Mal.
Natürlich müssen wir vorsichtig bleiben. Doch bisher hat sich unser Weg bewährt. Die Mischung aus Eigenverantwortung, Massnahmen, Testen und Impfen hat es ja ermöglicht, dass wir schon Mitte März die ersten Lockerungen machen konnten.
Im vergangenen Oktober sind Sie genau damit gescheitert. Warum ging es dieses Mal besser?
Auch hier ist es wohl eine Mischung. Wir hatten die Erfahrung der zweiten Welle. Es war das Ende des Winters und nicht sein Anfang. Die Impfung begann bei vulnerablen Personen zu wirken – all das hat uns erlaubt, diesen Weg zu gehen. Was man auch nicht vergessen darf: Wir sind eines von ganz wenigen Ländern, die ausschliesslich mRNA-Impfstoffe verabreichen – die haben eine deutlich höhere Wirksamkeit als andere Impfstoffe.
Wie hört eine Pandemie überhaupt auf?
Wir sind mit einem Virus konfrontiert, das wohl nicht mehr verschwinden wird. Führende Epidemiologen weltweit gehen davon aus, dass Covid-19, wie etwa die saisonale Grippe, endemisch wird und auch zukünftig in beschränktem Ausmass in der Bevölkerung zirkulieren wird. Aber: Es wird einen Moment geben, in dem ein grosser Teil der Bevölkerung – sei es wegen einer durchgemachten Erkrankung oder dank der Impfung – eine gewisse Immunität aufweist. Dann wird das Virus ein Teil unseres Lebens, mit dem wir umgehen können. Das wird eine Art Loslassen sein.
Müssen wir dafür auch unsere Kinder impfen?
Offenbar sind die klinischen Daten für eine Impfung von Kindern ab 12 Jahren gut. Auch hier muss Swissmedic über eine Zulassung entscheiden und nachher die Eidgenössische Kommission für Impffragen eine positive Empfehlung abgeben. Im Moment erwarte ich, dass beides erfolgen wird. Somit könnten freiwillige Impfungen der rund 300’000 12- bis 16-Jährigen noch in diesem Jahr erfolgen. Kosten und Nutzen einer Impfung sind auch bei Kindern sehr positiv. Auch Kinder können – wenn auch sehr selten – einen schweren Krankheitsverlauf aufweisen oder Long Covid haben. Auch Kinder können Covid übertragen.

