Politik

Den bedrohten Afrikanischen Wildhunden auf der Spur

Die Wanderwege der Wildhunde in Botswana geben Aufschluss darüber, wie im künftig grössten Schutzgebiet der Welt Wildkorridore geplant werden sollten. Das käme auch den Elefanten zugute.

Den bedrohten Afrikanischen Wildhunden auf der Spur

Hektisches Treiben am Flughafen Maun. Von der Stadt im nördlichen Botswana starten die meisten Safaris ins Okavango-Delta. Die einen Ankömmlinge warten aufs Gepäck, andere auf ihren Guide, wieder andere finden die nebenan gelegene Piste nicht, wo die winzigen Flugzeuge starten, welche Touristinnen und Touristen in die Lodges transportieren.

Da springt plötzlich das Logo der Universität Zürich ins Auge. Es prangt auf einem Plakat über dem in Grossbuchstaben gehaltenen Titel: «WANTED». Wild Western im südlichen Afrika? Nein, Wildhunde.

Monate später, im nasskalten Zürich. Dominik Behr erklärt, was es mit diesem Plakat am Flughafen von Maun auf sich hat. Er erforscht zusammen mit seinem Team an der Universität Zürich das Abwanderungsverhalten der Afrikanischen Wildhunde. Er hat soeben seine Doktorarbeit zu diesem Thema abgeschlossen.

Wer ihn googelt, trifft schnell einmal auf ein Bild eines Wildhund-Welpen, der einen Betäubungspfeil im Maul hält. Mit diesem Bild gewann Behr einen Fotopreis der British Ecological Society. Sie zeichnet Bilder aus, welche die Biodiversität und Forschungsaktivität mit Bezug zur Ökologie illustrieren.

Behr lacht, als er an die Szene denkt, die zu diesem Schnappschuss führte. Dem Forschungsteam war es eben gelungen, einen ausgewachsenen Wildhund mit dem Pfeil zu betäuben, um einen GPS-Sender anzubringen, da schnappte sich der Kleine den Pfeil und wollte ihn nicht mehr hergeben.

Diese handlichen GPS-Sender liefern einen Teil der Daten für das Forschungsprojekt, an dem das Team rund um Behr zusammen mit dem Botswana-Raubtierschutz arbeitet. Das Plakat einen anderen Teil. Es fordert Safaritouristinnen und -touristen auf, dem Forschungsteam Fotos und weitere Informationen zukommen zu lassen, wenn diese einem Wildhundrudel begegnen sollten.

Wo ist das Problem? Die Antwort lautet wie so oft: der Mensch.

Tatsächlich sind die Afrikanischen Wildhunde selten geworden. Noch vor hundert Jahren waren sie in den Savannen von Ost- und Südafrika weit verbreitet. Heute sind es nach Einschätzung von Experten gerade noch 6000 Individuen. «Am häufigsten sind sie in Botswana, Zimbabwe, Sambia und Tansania, doch auch dort leben sie in weitgehend isolierten Beständen», erklärt Behr.

Wo liegt das Problem? Das Problem ist – wie so oft – der Mensch, konkret Siedlungen, Landwirtschaft und Rohstoffgewinnung. Dabei kommt es zu Konflikten, wie wir sie in der Schweiz mit dem Wolf kennen. «Allerdings ohne finanzielles Auffangnetz und bei grösserer Armut», gibt Behr zu bedenken.

Während in der Schweiz der Schaden, der durch Wölfe an Nutztieren entsteht, meist entgolten wird, sind Kleinbauern in Afrika völlig auf sich gestellt. «Wenn einem Bauern eine seiner drei Ziegen, die seinen ganzen Besitz darstellen, von Wildhunden gerissen wird, geht das an die Existenz.»

Zudem sind Wildhunde zwar drollig, wenn sie spielen, beim Jagen aber wirken sie brutal: «Sie jagen im Rudel, töten eine Gazelle blitzschnell und zerreissen sie dann in Stücke. Das schadete ihrem Ruf.» So wurden sie systematisch gejagt, die Bauern legten Feuer in die Bruthöhlen, selbst Wildhüter, die eigentlich zum Schutz der Wildtiere verpflichtet wären, beteiligten sich einst daran. Dazu kommt, dass Tollwut und Staupe die Wildhunde dezimieren. Diese Krankheiten werden von streunenden Haushunden auf sie übertragen.

Unterdessen aber werden die Wildhunde als «Umbrella Species», als Regenschirmart, betrachtet. Wegen ihrer wichtigen Stellung in der Nahrungskette und aufgrund des hohen Platzbedarfs. Zur Veranschaulichung: In einem Gebiet so gross wie der Kanton Zürich würden höchstens zwei Wildhundrudel Platz finden.

Das heisst: Der direkte Schutz der «Umbrella Species» nützt indirekt auch vielen anderen Arten in ihrem Lebensraum. Die Schrumpfung und Fragmentierung ihres Lebensraums ist das Hauptproblem. Das hat mit dem hohen Platzbedarf zu tun, wird aber durch das Verhalten der Wildhunde noch verstärkt, das vom Rudel geprägt ist.

«Wer das Glück hat, ein Wildhundrudel in freier Natur zu beobachten, sieht sofort, wie eng diese Gemeinschaft ist», sagt Behr. Die kleine Reisegruppe, der am Flughafen Maun das Wildhundplakat aufgefallen war, hatte das Glück.

Es hatte schon lange nicht mehr geregnet im Okavango-Delta. Die Tiere mussten weite Wege zurücklegen, um ans Wasser zu kommen. Während wir einen schlafenden Leoparden auf einem Baum beobachteten und hofften, dass er sich endlich einmal bewegt, unterhielten uns fast zwei Dutzend Wildhunde, die um den Jeep herumtollten und dann an einem versiegenden Wasserloch ihren Durst löschten. Da erinnerten wir uns wieder an das Plakat am Flughafen Maun.

Welpen haben Vorrang

Allmählich schälte sich aus dem Gewusel eine klare Hierarchie heraus: ein dominantes Paar, das mit wenigen Bewegungen oder Lauten angab, wo es langgeht. Halbwüchsige und Jungtiere – nach Angaben unseres Guides drei bis vier Monate alt –, verspielt und ungestüm, die sich scheinbar fast alles erlauben durften.

Dominik Behr bestätigt diesen Eindruck. «Die Welpen haben im Rudel der Wildhunde ein in der Tierwelt fast einzigartiges Privileg: «Sie dürfen sich als Erste an einer erlegten Beute sattessen. Noch vor dem dominanten Paar.»

Es gilt aber auch: ohne Rudel kaum Jagderfolg. Behr schätzt: «Vier Wildhunde können es mit einer Hyäne, acht bis zehn mit einem Löwen aufnehmen.» Hyänen wie Löwen machen ihnen gern die Beute streitig.
Gleichzeitig ist dieser enge Zusammenhalt aber auch eine Gefahr für die Art, weil die genetische Durchmischung fehlt.

Deshalb ziehen regelmässig zwei bis drei Schwestern oder eine Gruppe von Brüdern weiter, um ein eigenes Rudel zu gründen, oder sich zu anderen Rudeln zu gesellen, wo sie sich mit nicht verwandten Artgenossen fortpflanzen können. Doch was geschieht, wenn sie in nützlicher Frist auf keine anderen Wildhunde treffen?

Hier setzt die laufende Forschung der Universität Zürich an. Das Ziel ist es, die Wege dieser abwandernden Tiere zu beobachten, um herauszufinden, welche Hindernisse sich ihnen in die Wege stellen und wo der Mensch Korridore für die Abwanderung schützen sollte.

Das geschieht einerseits, indem die Forscher einige von ihnen mit GPS-Halsbändern versehen, andererseits mit dieser speziellen Form von Unterstützung, für die das Plakat wirbt und bei dem es eben nicht um Geld, sondern um Fotos geht.

In den zwei Jahren, seit die Plakate am Flughafen und auch in Lodges aushängen, hat das Forschungsteam von Touristinnen und Touristen mehrere Hundert Standorte von Wildhunden zugeschickt bekommen. Da jeder Wildhund eine individuelle Fellzeichnung hat, gelingt es so immer wieder, alte Bekannte zu orten und ihre Wege und Schicksale nachzuvollziehen.

Zusammen mit den GPS-Daten ergibt sich nach und nach ein immer genaueres Bild: «Wir können feststellen, dass die abwandernden Tiere sehr schnell unterwegs sind und oftmals grosse Strecken zurücklegen.» So wanderten etwa fünf Weibchen innert neun Tagen 400 Kilometer. Auch zeigt sich: Die Wildhunde umgehen Siedlungen weiträumig, meiden landwirtschaftlich genutztes Land und überqueren nur ungern Wasser.

Das Forschungsteam kann mittlerweile auf einer Karte die bevorzugten Wanderrouten der Wildhunde aufzeigen. Diese und die damit zusammenhängende Studie wird heute Freitag erstmals in einem Fachmagazin veröffentlicht. Behr sagt dazu: «Diese Karte ist ein starkes Argument für ein Projekt, das in der Grossregion seit längerem im Aufbau ist: das Kavango-Zambesi-Schutzgebiet Kaza.»

Das Kaza wäre mit seiner Fläche von 520’000 Quadratkilometern grösser als Deutschland, die Schweiz und Österreich zusammen und damit das mit Abstand grösste grenzüberschreitende Schutzgebiet der Welt. Das Ziel ist, dass die Tiere und die Menschen vor Ort davon profitieren und weder Menschen die Wildtiere noch die Wildtiere die Menschen vertreiben. Stichworte sind etwa: nachhaltiger Tourismus und Wildkorridore.

Starke Argumente brauchen die Unterstützer des Kaza, nicht zuletzt, weil das Gebiet sich über fünf Länder mit sehr unterschiedlichen Regierungen und Grundhaltungen erstreckt: Angola, Botswana, Namibia, Sambia und Zimbabwe. Und auch, weil es eilt.

Es profitieren die Big Five

Denn nebst den Wildhunden brauchen auch die Elefanten in den gut geschützten Gebieten Botswanas dringend mehr Platz, den sie in den umliegenden Ländern finden würden – wenn der Weg dorthin nicht durch Zäune oder andere Hindernisse verstellt wäre.

Auch Nashörner oder Büffel werden in ihren Wanderungen immer wieder durch Grenzzäune oder Viehdrähte behindert. Dank der Karte der Zürcher Forscher könnten die kleinen Wildhunde also den Big Five den Weg ebnen.

(Autor: Hélène Arnet)

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