Politik

Sein Woodstock liegt am Zürichberg

Rigiblick-Leiter Daniel Rohr vor Saisonstart

Sein Woodstock liegt am Zürichberg

«Er ist ein Gesamtpaket von Gefühl und Können», sagt seine Stellvertreterin Brigitta Stahel, und sie hat recht. Es gibt nur den ganzen Daniel Rohr, weil er immer aus dem Ganzen heraus agiert.

Und sein Ganzes ist mehr als die Summe seiner Teile: der Banklehrling. Der Germanistikstudent. Der Musiker und Sänger. Der Schauspieler am Theater, im Film und Fernsehen. Der Regisseur. Der Macher und Organisator. Der Konzeptualist. Der Zusammendenker. Der Gastgeber. Der Mann und Vater. Der Alle-Aufmerksamkeit-auf-sich-Lenker. In einem Wort: der Enthusiast. Daniel Rohr, seit seiner Kindheit vom ADHS-Syndrom durch den Tag gepeitscht, hat keinen Rückwärtsgang.

Der Mann mit den Ausrufezeichen

Das Vokabular des 60-Jährigen ist mit Superlativen und Ausrufezeichen gesprenkelt. «Wir sind extrem zusammengewachsen», «wir haben hervorragend ausgebildete Musiker», «das Team würde alles für mich machen», «ich bin eine Galionsfigur». Das graue Haar hängt in Strähnen herunter, der Blick bohrt sich in das Gegenüber ein. Dann wieder springt Rohr in seinem Büro hoch und schaut etwas nach oder holt etwas her. Er findet keine Ruhe, weil er keine Ruhe sucht.

An diesem Abend probt er eine neue Ausgabe der Hommage an «Monty Python’s Flying Circus», dem englischen Komikerkollektiv; noch bevor die Proben angefangen haben, graust es einem. Denn als Python-Fan, dem die Sketchs und Filme und Dokumentationen ins Gehirn gebrannt sind, kann man sich nicht vorstellen, wie das gehen soll. Britischer Sarkasmus auf Hochdeutsch? Sechs englische Komiker, jeder unverwechselbar, von Ersatzschauspielern gegeben?

Daniel Rohr, der bei der Produktion Regie führt, scheinen solche Probleme so wenig zu kümmern wie andere Probleme auch. Als wolle er seinen Leuten Mut machen, lacht er während der Probe am lautesten und oft als Einziger im Saal. Derweil zitieren die fünf Schauspieler aus der heiligen Schrift der Komik. Das Timing stimmt noch nicht, manchmal scheitert die Übersetzung, dann wieder fehlt die pythoneske Fallhöhe zwischen der Ausdruckslosigkeit der Gesichter und der Absurdität der Handlung. Aber einiges gelingt auf Anhieb, und so ist man teilweise versöhnt.

Fast dauernd ausverkauft

Daniel Rohr hat das Theater Rigiblick von einer Quartierbühne zu einem Epizentrum von ausverkauften Produktionen entwickelt, in denen er und sein Team Literatur, Kunst, Rezitation und populäre Musik zusammenbringen. Die Crew ist damit über Zürich bis in die Westschweiz und in Süddeutschland bekannt geworden, brachte es sogar zu Aufführungen in Berlin, Bangkok oder Teheran.

Von exzellenten Musikerinnen und Musikern begleitet, feiert das Ensemble Mani Matter, Bob Dylan, Leonard Cohen, Jimi Hendrix, Neil Young, Miles Davis, Frank Zappa oder die Comedian Harmonists. Wechselnde Regisseure inszenieren Pink Floyd, Goethe, Mozart, die Beatles, die Musiker geben mitreissende Performances des Woodstock-Festivals wieder. Das Theater lässt Marianne Faithfull Sonnette von Shakespeare rezitieren, holt Henning Mankell als Ehrengast nach Zürich. Das thematische Angebot ist ebenso gross wie vielseitig. Manchmal ärgert man sich über eine Darbietung, aber man langweilt sich nie. Regelmässig kommt es vor, dass eine Aufführung die Leute von den Sitzen reisst.

Stünde nicht Daniel Rohr, dessen Begeisterung ihn selber mit einschliesst, am vorderen Bühnenrand. Obwohl er als Chef nie vergisst, sein Team und andere Mitarbeitende zu nennen und zu loben, dreht sich das meiste um ihn selber. Und drängt ihn dorthin, wo er weniger überzeugen kann: zum Schauspielen auf die Bühne. Manchmal kommt ihm dabei sein Überschwang in die Quere.

Mit Vollkörpereinsatz

Denn Rohr neigt in manchen Rollen zum Übertreiben, Chargieren und Deklamieren. Er übertreibt dann Gestik und Mimik, verfällt dem Kumpelhaften. Eine Haltung von Lakonik, Subtilität und Zurückhaltung zu entwickeln, gelingt ihm zu selten. Manchmal bekommt man den Verdacht, er missbrauche Produktionen für den eigenen Auftritt. Nun gehört das zu den Kollateralschäden eines Gesamtpakets: Wenn so vieles gefällt, kann nicht alles überzeugen.

Er überzeugt ja in vielem. «Er ist ein immer fairer, meistens grosszügiger Verhandler, ein Mann mit empathischem Charakter», sagt der Jazz-Schlagzeuger Dieter Ulrich über Daniel Rohr. «Er ist ein Unikum unter den Theatermachern», findet der Satiriker Viktor Giacobbo. «Offensichtlich liebt er den Mittelpunkt, betreibt er doch seine Produktionen mit full body contact.»

Vom Quartiertheater zu ausverkauft

Tobias Schwab schliesslich, der bei vielen Rigiblick-Produktionen die musikalische Leitung sicherstellt, mag die ihm garantierte Freiheit, «aus den Originalsongs eigene Versionen zu machen». So hatte er die geniale Idee beim «Woodstock»-Abend, Jimi Hendrix’ zerfetzte Version der amerikanischen Nationalhymne von einem Cellisten spielen zu lassen. Schwab gefällt es auch, die Musikerinnen und Musiker so gut zu kennen, mit denen er spielt; das verbessere die Zusammenarbeit durch Personalisierung. Vielleicht sagt es Brigitta Stahel am besten: «Wir haben eine familiäre Atmosphäre mit professionellen Ansprüchen.» Und beides habe das Team seinem Chef zu verdanken.

Auch das Ernste unterhaltend

Fragt man Daniel Rohr nach seinem Konzept, verweist er auf die Kombination von E und U, ernster und unterhaltender Kultur, die habe ihn schon immer interessiert. Am Rigiblick bemüht er sich darum, die beiden zur Fusion oder Kollision zu bringen. Ernst und Unterhaltung, Tiefe und Oberfläche, sublimiert delektiert und laut gefeiert: Das ist eine ausgesprochen deutsche Aufteilung, die den Angelsachsen fremd bleibt. Sie hat sich in Deutschland aus einem linken und rechten Elitedenken konstituiert. Der intellektuelle Dünkel der klassischen Kulturbewahrer verband sich mit der Verachtung von Theodor Adorno, Taktgeber der Kritischen Theorie, für die Populärkultur. Die doppelte Abwertung wirkte in Deutschland lange nach.

Als Vorbild für die Versöhnung von Klassischem und Populärem nennt Daniel Rohr den amerikanischen Komponisten Frank Zappa. Ihm galt auch Rohrs erste, exzellente Produktion von 2001, damals noch im Neumarkt-Theater. Zappa wurde bekannt als satirischer Kommentator und hochkomplexer Musiker – ein deklarierter Kapitalist, der seine Heimat mitleidlos karikierte. Zappa habe mit seinen Auftritten, Platten und Filmen vorgemacht, sagt sein Schüler, dass man ein klassisches Orchester ebenso dirigieren könne wie eine Rockband.

Zappas diktatorische, misogyne und generell misanthropische Seiten blendet Rohr aus; aber auch das passt zu ihm. Seine Begeisterung lässt der Kritik nicht viel Platz, und diese Begeisterung, die das Machbare so nahe wie möglich an das Wünschbare führt, gehört zu den Stärken des grossen Ausprobierers. Sie kann einem auf die Nerven gehen, aber Daniel Rohrs Wärme im Umgang mit den Leuten, seine offenarmige Gastfreundlichkeit wirken glaubwürdig, weshalb man ihm alles verzeiht. Oder fast.

Er überzeugt ja in vielem. «Er ist ein immer fairer, meistens grosszügiger Verhandler, ein Mann mit empathischem Charakter», sagt der Jazz-Schlagzeuger Dieter Ulrich über Daniel Rohr. «Er ist ein Unikum unter den Theatermachern», findet der Satiriker Viktor Giacobbo. «Offensichtlich liebt er den Mittelpunkt, betreibt er doch seine Produktionen mit full body contact.»

Tobias Schwab schliesslich, der bei vielen Rigiblick-Produktionen die musikalische Leitung sicherstellt, mag die ihm garantierte Freiheit, «aus den Originalsongs eigene Versionen zu machen». So hatte er die geniale Idee beim «Woodstock»-Abend, Jimi Hendrix’ zerfetzte Version der amerikanischen Nationalhymne von einem Cellisten spielen zu lassen. Schwab gefällt es auch, die Musikerinnen und Musiker so gut zu kennen, mit denen er spielt; das verbessere die Zusammenarbeit durch Personalisierung. Vielleicht sagt es Brigitta Stahel am besten: «Wir haben eine familiäre Atmosphäre mit professionellen Ansprüchen.» Und beides habe das Team seinem Chef zu verdanken.

Auch das Ernste unterhaltend

Fragt man Daniel Rohr nach seinem Konzept, verweist er auf die Kombination von E und U, ernster und unterhaltender Kultur, die habe ihn schon immer interessiert. Am Rigiblick bemüht er sich darum, die beiden zur Fusion oder Kollision zu bringen. Ernst und Unterhaltung, Tiefe und Oberfläche, sublimiert delektiert und laut gefeiert: Das ist eine ausgesprochen deutsche Aufteilung, die den Angelsachsen fremd bleibt. Sie hat sich in Deutschland aus einem linken und rechten Elitedenken konstituiert. Der intellektuelle Dünkel der klassischen Kulturbewahrer verband sich mit der Verachtung von Theodor Adorno, Taktgeber der Kritischen Theorie, für die Populärkultur. Die doppelte Abwertung wirkte in Deutschland lange nach.

Als Vorbild für die Versöhnung von Klassischem und Populärem nennt Daniel Rohr den amerikanischen Komponisten Frank Zappa. Ihm galt auch Rohrs erste, exzellente Produktion von 2001, damals noch im Neumarkt-Theater. Zappa wurde bekannt als satirischer Kommentator und hochkomplexer Musiker – ein deklarierter Kapitalist, der seine Heimat mitleidlos karikierte. Zappa habe mit seinen Auftritten, Platten und Filmen vorgemacht, sagt sein Schüler, dass man ein klassisches Orchester ebenso dirigieren könne wie eine Rockband.

Zappas diktatorische, misogyne und generell misanthropische Seiten blendet Rohr aus; aber auch das passt zu ihm. Seine Begeisterung lässt der Kritik nicht viel Platz, und diese Begeisterung, die das Machbare so nahe wie möglich an das Wünschbare führt, gehört zu den Stärken des grossen Ausprobierers. Sie kann einem auf die Nerven gehen, aber Daniel Rohrs Wärme im Umgang mit den Leuten, seine offenarmige Gastfreundlichkeit wirken glaubwürdig, weshalb man ihm alles verzeiht. Oder fast.

(Autor: Jean-Martin Büttner)

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