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Markus Ryffel: «Laufen bedeutet grenzenlose Freiheit»

Er ist eine Legende der Schweizer Leichtathletikszene, hält nach wie vor mehrere Schweizer Rekorde und engagiert sich stark für den Laufsport: Markus Ryffel über die Einzigartigkeit des Greifensees, seinen engen Bezug zum New York Marathon – und weshalb er sich heute nicht mehr täglich eine ganze Tafel Schokolade gönnt.

Markus Ryffel (Mitte) ist immer noch häufig an Volksläufen anzutreffen - so, wie hier 2018 am Bachtellauf.

Archivfoto: Christian Merz

Markus Ryffel: «Laufen bedeutet grenzenlose Freiheit»

Markus Ryffel, mit 66 könnten Sie eigentlich einen Gang zurückschalten. Stattdessen organisieren Sie weiterhin Aktivferien und engagieren sich mit Ihrem Unternehmen stark für Lauf-Events in der Schweiz. Was treibt Sie an?
Markus Ryffel: Ich hatte das Privileg, mein Hobby zum Beruf zu machen. Dadurch kann ich jeden Tag tun, was ich am meisten mag. Das motiviert mich und es macht mir Spass, täglich die Freude am Laufsport weiterzugeben und andere mit dem Laufvirus zu infizieren. Leider habe ich es nicht geschafft, 40 Jahre lang 20 zu bleiben. Aber ich gebe nun mein Bestes, 20 Jahre lang 40 zu bleiben und das funktioniert bis jetzt ganz gut.

Sie gelten als der Schweizer Laufpionier und haben die Szene in den vergangenen Jahrzehnten mitgeprägt. Wie hat sich der Laufsport verändert?
Er hat sich in vielerlei Hinsicht verändert. Die gesellschaftliche Akzeptanz ist grösser. Früher wurde man belächelt, da Laufen als unnötiger Zeitvertrieb galt. Heute wird den Läuferinnen und Läufern zugelächelt und eine gewisse Bewunderung entgegengebracht. Und natürlich haben sich auch die Ausrüstung und die Ernährung weiterentwickelt.

Inwiefern?
Früher bestimmte der Sekundenzeiger der analogen Uhr die Trainingsdauer und die innere Uhr die Trainingsintensität. Es gab nur den Läufer und die Natur. Musik konnte man nur bis zur Haustüre hören. Heutzutage ist das anders. Man ist vielfach ausgerüstet und vernetzt mit Handy, Musik, GPS, Laufuhr, Kompressionssocken und Trinkgurt. Ich stamme ausserdem aus einer Zeit, als der Glaube manchmal noch wichtiger war als das Wissen. So ass ich beispielsweise täglich eine Tafel Schokolade und genoss diese Stückchen für Stückchen. Das war dazumal mein Geheimrezept. Heute sind die Erkenntnisse anders und ich esse nur noch ein Schoggistängeli.

Die Schweiz hat ein Volk von Hobbyläufern – aktuell in der Pandemie mehr denn je. Was macht für Sie die Faszination des Laufens aus und wie wichtig ist es Ihnen bis heute?
Das «Stadion Natur» hat für das Joggen rund um die Uhr geöffnet. Und der Eintritt ist erst noch gratis! Was gibt es Schöneres, als am frühen Morgen dem Greifensee entlang zu laufen und die Natur erwachen zu sehen? Genau in solchen Momenten erhält mein Körper eine erfrischende Sauerstoffdusche. Laufen bedeutet grenzenlose Freiheit. Es hilft mir, meine körperliche wie auch meine mentale Leistungsfähigkeit auf Trab zu halten und ausgeglichen in den Tag zu starten. Ich könnte dann ewig weiterlaufen. Und nicht zuletzt hilft es auch, neue Energie zu tanken und danach mit einem klaren Kopf ein Problem anzupacken. 

Man kann Ihre Euphorie für den Sport richtig spüren. Wie fit sind Sie heute und sind Sie zufrieden mit sich?
In meinem Leben bin ich bisher etwa 200 000 Kilometer gejoggt – ganz viele davon dem Greifensee entlang. Ich kann noch immer regelmässig und vor allem beschwerdefrei laufen – und wenn trotz Corona alles klappt, werde ich dieses Jahr in New York meinen 98. Marathon absolvieren.

Woher kommt Ihre Begeisterung für den Marathon?
Zu meiner Aktivzeit lief man beides – Mittel- und Langstrecke. Zu meinen Vorbildern gehörte etwa der US-Läufer Frank Shorter, der Olympiasieger im Marathon wurde. Ich war auch schon als 22-Jähriger bei der zweiten Ausgabe des New York Marathons dabei. Das Erlebnis hat mich geprägt. Ich habe zwar viel Gutes geerbt, aber dummerweise auch Krampfadern – und diese liessen keine Spitzenzeiten im Marathon zu. Die beiden dominierenden Weltklasse-Marathonläufer, der Kenianer Eliut Kipchoge oder der Äthiopier Kenenisa Bekele, begannen ihre Karriere ebenfalls über 5000 und 10 000 Meter und gewannen mehrere Olympia-Medaillen. Sie haben es im Gegensatz zu mir auch auf der Marathon-Distanz geschafft.

Wie wichtig stufen Sie eine sportliche Aktivität gerade mit zunehmendem Alter ein?
Die positiven Auswirkungen von Kraftausdauersportarten wie Jogging, Walking, Aqua-Fit oder Biken sind vielfältig – auch im Alter. Jeder kann mit einem gesunden und verantwortungsbewussten Lebensstil und Sport zu einer besseren Lebensqualität beitragen. Diese Chance sollte man nutzen. Denn es gibt genügend Faktoren, die man kaum beeinflussen kann.

« Idealerweise betätigt man sich drei Mal in der Woche sportlich. »

Markus Ryffel, ehemaliger Spitzenläufer

Welche Massnahmen können zu einer besseren Lebensqualität beitragen?
Ein strukturiertes Trainingsprogramm mit Ausdauer und Krafttraining kann lebensverlängernde Effekte haben. Idealerweise betätigt man sich drei Mal in der Woche sportlich. Dazu zählen auch Tätigkeiten wie ein ausgedehnter Spaziergang oder Gartenarbeit. Nur schon leicht veränderte Routinen im Alltag können etwas beitragen. So kann man etwa strikt auf den Lift verzichten und stattdessen regelmässig die Treppe nehmen.

Kann jeder – auch mit zunehmendem Alter – noch mit Laufen beginnen?
Grundsätzlich ja. Aber man sollte vor dem ersten Lauftraining einen Arzt aufsuchen und die körperliche Fitness überprüfen lassen. Laufeinsteigern empfehle ich, mit Intervallen zu beginnen. Das bedeutet, das Tempo während des Trainings zwischen zügigem Traben und lockerem Walken zu variieren.

Mit Laufen allein ist es wohl nicht getan. Wie hält man sich insgesamt fit?
Der Mix macht es aus. Nebst dem Ausdauertraining sollte man durch gezielte Kraftgymnastik die Muskelmasse aufbauen. Durch mehr Muskeln wird der Kaloriengrundumsatz gesteigert und man verbraucht dann ständig mehr Energie – egal ob man sich bewegt oder nachts schläft.

Sie halten nach wie vor die Schweizer Rekorde über 3000 Meter und 5000 Meter. Gelaufen sind Sie diese Zeiten 1979 in Lausanne respektive 1984 in Los Angeles. Seither kam niemand mehr an diese Zeiten heran. Wie steht es um die Qualität der Schweizer Leichtathletik?
Die Schweizer Leichtathletik blüht! Das Zusammenspiel von vielen kleinen Mosaiksteinchen führte zuletzt immer wieder zu Erfolgen. Es braucht ein gut funktionierendes Umfeld, das einen unterstützt, aber auch Beharrlichkeit, Ausdauer, Beständigkeit und Hartnäckigkeit, um auf ein Ziel hinzuarbeiten. Diesen vorbildlichen Werdegang beweist aktuell die Wetzikerin Fabienne Schlumpf mit ihren Weltklasseleistungen, die Anfang April bei ihrem Marathon-Debüt gleich Schweizer Rekord lief.

Wie lange dauert es noch, bis Ihre Zeiten geknackt werden?
Es gibt zwei Schweizer Läufer, die es schaffen könnten. Julien Wanders war schon nah dran. Er lief auch schon Europarekord über 10 000 Meter und im Halbmarathon. Er ist noch jung und hätte sicher die nötigen Fähigkeiten. Der zweite Läufer ist Jonas Raess, ein stiller Schaffer vom LC Regensdorf. Ich würde mich für beide freuen, denn ich weiss, wie viel Arbeit in solchen Leistungen steckt. 

Sie gehören zu den Mitbegründern des Greifenseelaufs, der in diesem Jahr zum 42. Mal stattfindet. Wie kam es dazu und welche Rolle spielt er in Ihrem Leben? 
1977 waren mein Bruder Urs und ich zusammen am New York Marathon und erlebten dort die Mega-Stimmung dieses grossen Volklaufs. Wir beschlossen, in unserer Heimatstadt Uster etwas Ähnliches zu initiieren. Ein Marathon-Lauf um den Greifensee hätte aber bedeutet, dass man ihn gleich zweimal umrunden muss. Darum fassten wir das Motto «Halber Marathon – ganzes Vergnügen» und entschieden uns für die Halbmarathonstrecke. Der Greifenseelauf bedeutet mir sehr viel, er ist der Ursprung meines beruflichen Werdegangs.

Sie wohnen inzwischen in Bern, sind aber nicht nur dank des Greifenseelaufs stark mit dem Zürcher Oberland verbunden. Was bedeutet Ihnen die Region?
Ich bin in Niederuster aufgewachsen. Das Zürcher Oberland bleibt meine sehr geschätzte Heimat. Hier sind meine Wurzeln. Bern ist zwar eine schöne Stadt und es gibt dort auch die Aare, aber eben keinen Greifensee. Neben der einzigartigen Greifensee-Landschaft zieht mich aber vor allem meine Familie jede Woche wieder zurück ins Züri Oberland.

Nun steht der nächste Sommer an. Wie sehen Ihre sportlichen Pläne aus?
Als Sportzirkus-Nomade habe ich mir zum Ziel gesetzt, diesen Sommer mit dem Velo von Bern nach Uster zu fahren. Velofahren war schon immer ein wöchentlicher Bestandteil von meinem Training. Mein Rennvelo, das ich heute noch besitze, machte sogar jeweils die Reise zum Wintertraining in Neuseeland mit. 

Markus Ryffel ist ein ehemaliger Schweizer Spitzenläufer. 1984 gewann er bei den Olympischen Spielen in Los Angeles die Silbermedaille über 5000 Meter. Bis heute hält er die Schweizer Rekorde über 3000 sowie 5000 Meter. Aktuell führt er die Markus Ryffel’s GmbH und berät seit 2011 SportXX Ryffel Running als Running-Experte. Mit seiner Firma organisiert er Laufsportevents, Aktivferien, Marathonreisen und Privatcoachings. Im Mai und Juni ist neben Workshops in Uster auch der umfassende Laufcheck im Zürcher Stadion Letzigrund geplant. Interessierte finden weitere Informationen unter markusryffels.ch.

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