Politik

«Kraftstoff» aus der leeren Kirche

Zürichs Religionsprominenz gab sich ein Stelldichein – ohne Publikum, aber mit dem ersten Auftritt von Bischof Bonnemain. Und dem Ziel, in der Krise Mut zu spenden.

«Kraftstoff» aus der leeren Kirche

Eine Minute dauerte der erste öffentliche Auftritt des neuen Bischofs von Chur in Zürich. Eine Minute, in der Joseph Bonnemain eine Kerze anzündete, leise zu sprechen begann und immer lauter wurde. Laut sagte er, auf dem grosse Hoffnungen ruhen, das gespaltene Bistum zu einen: «Wagen wir eine Geschwisterlichkeit, in der alle ausnahmslos integriert sind. Reissen wir die Mauern nieder, damit unsere Menschheit eine bessere werden kann.»

Dann trat er vom Pult zurück und in den Halbkreis der Frauen und Männer, die am Sonntagabend in der Predigerkirche vier Weltreligionen und den Staat vertraten: Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP), die katholische Synodalratspräsidentin Franziska Driessen, Pfarrerin Bettina Lichtler, die Rabbiner Noam Hertig und Ruven Bar Ephraim, Abt Geshe Thupten Legmen vom Tibet-Institut, der reformierte Kirchenratspräsident Michel Müller, der christkatholische Pfarrer Lars Simpson, Stefanos Athanasiou von den orthodoxen Kirchen des Kantons und Imam Sakib Halilovic.

Allein – und doch nicht

Leer waren die Kirchenbänke dahinter, aber leer sollte die Botschaft nicht sein: dass die Menschen aus dem Miteinander Stärke beziehen, um auch Krisen wie die Corona-Pandemie zu bestehen. «Kraftstoff» lautete der Name der interreligiösen Feier, die per Livestream übertragen wurde.

Statt in andere Gesichter blickt man ins eigene, das sich im Bildschirm spiegelt.

Kirche im Livestream, das bedeutet: Statt in den sakralen Raum tritt man vor den Laptop, statt in andere Gesichter blickt man ins eigene, das sich im Bildschirm spiegelt. Dass man doch nicht allein ist, versichert einem Youtube: «55 watching now», steht zu Beginn unter dem Video, 55 sehen jetzt zu.

Mehr Zuschauende erhofft

Im Lauf der Übertragung werden es immer mehr, bis sich die Zahl bei rund 180 einpendelt. Sässen sie alle in der Kirche, wäre diese gut gefüllt. Aber für eine gesamtkantonale Feier, zu der mehrere Religionen und Konfessionen geladen haben, scheint 180 eine bescheidene Zahl.

«Dass Jacqueline Fehr sich für die Feier einsetzte, hat alle motiviert.»

Simon Spengler, Sekretär Interreligiöser Runder Tisch

«Klar hätte ich mir etwas mehr erhofft», sagt Simon Spengler, Sekretär des Interreligiösen Runden Tischs im Kanton Zürich. Jedoch sei Sonntagabend eine Zeit, zu der viele Menschen anderes zu tun hätten. Umso mehr freut sich Spengler, dass Youtube bis Montagmittag für das Video über 1000 Aufrufe verzeichnet hat. Auf der Website des Interreligiösen Runden Tischs kann man es sich weiterhin ansehen.

Den Dialog verstärkt

Namens der beteiligten Religionsgemeinschaften zieht Spengler eine positive Bilanz: «Wegen der Pandemie war der Kontakt untereinander reduziert. Wieder gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, wirkte für alle motivierend.» Dass Religionsministerin Fehr sich persönlich für die Feier einsetzte, sei sehr geschätzt worden. Die Kosten von rund 50’000 Franken tragen hauptsächlich die reformierte und die katholische Landeskirche; der Kanton Zürich übernimmt laut Spengler einen «namhaften Beitrag».

«Kraftstoff» wollte Trost und Mut spenden. Dies gelang auch mit Videoeinspielern, in denen Zürcherinnen und Zürcher zu Wort kommen. Eine Altersheimbewohnerin sagt, in den Besuchskabinen habe sie sich gefühlt «wie im Knast» – aber das Leuchten in den Augen der Leute, wenn man einander wieder im Speisesaal sehe, sei schön. Eine Schauspielerin erzählt, dass sie jetzt die Post austrägt, weil sie «nicht so gut nichts tun» könne.

Berührende Einsichten

Eine Clubbetreiberin schildert, wie sie sich «auf der falschen Seite» fühlte, als bei der Wiederöffnung im Sommer die Schlange vor der Essensausgabe vis-à-vis länger war als jene vor ihrem Club. Ein Gehörloser erklärt, dass er nichts von den Lippen ablesen kann, wenn die Leute ihre Masken nicht abnehmen – und wie er dann «spüren muss, was sie denken». Ein Zunftmeister verspricht, im Frühling 2022 werde Zürich einen Böögg haben. Und die Wirtin eines Landgasthofs weiss: «Es wird wieder gut.» (Anna Six)

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