Der Weg in die Zukunft der Landwirtschaft dauert knapp 30 Minuten. Mit der Forchbahn geht es vorbei am Butchers Table beim Hegibachplatz, wo getreu Nose-to-Tail-Küche einst verschmähte Stücke vom Rind für viel Geld auf den Tisch kommen. Auf der Forch schweift der Blick hinüber zum Hof von Nils Müller, der sich das Recht auf eine tierfreundlichere Schlachtung auf der Weide erkämpft hat. Dann nimmt das «Forchbähnli» noch mal Fahrt auf. Es geht hinunter nach Hinteregg, wo am Dorfeingang, eingeklemmt zwischen Gleis und Strasse, am Betrieb der Zukunft getüftelt wird: dem veganen, gewaltfreien Bauernhof.
In der Morgensonne döst eine Gruppe Pferde, Hühner picken im Sand, und im Stall stecken sieben ausgewachsene Schweine ihre Nase so tief ins meterhohe Stroh, dass nur noch ihre gewaltigen rosa Rücken zu sehen sind.
In Stier Henry verliebt
Vor dem Stall sitzt Sarah Heiligtag (42), die Obertüftlerin, in Jeans, Stiefeln und warmer Jacke. Sie hat ein junges Landwirtepaar zu Besuch, das ihren Rat braucht. Man kennt sich bereits, ist per Du. Heiligtag serviert Kaffee und Tee mit Hafermilch. Das Paar hält in St. Gallen Mutterkühe und Strausse – und Kängurus, mehr zum Spass. Vor einigen Monaten ist es passiert: Die junge Bäuerin hat sich in ein Stierkalb verliebt. Die Verbindung zu Henry ist stark, die junge Frau bringt es nicht übers Herz, den inzwischen fast ausgewachsenen Stier zu schlachten. Das übliche Schicksal soll nun bald allen Tieren auf dem Hof erspart bleiben. Wie hier in Hinteregg.
Eine solche Umstellung ist zuerst einmal eine nüchterne Angelegenheit: Es geht um das korrekte Verbuchen der Tiere in Grossvieheinheiten, um Nährstoffbilanzen und Haltungssysteme. Es geht um Marketing: die Pflege des Instagram-Accounts, um die Organisation von Hoffesten oder Kinoabenden und darum, welche Geschichte die jungen Bauern ihren Kunden erzählen über die Umstellung. Die Geschichte von Stier Henry, selbstverständlich.

