Das Reisen in diesem Sommer wird zur Zitterpartie
Herr und Frau Müller, Mitte 40, mit zwei Schulkindern, wohnhaft im Kanton Bern: Wird das Paar bis zum Start der Sommerferien vollständig geimpft sein?
Dafür gibt es keine Garantie. Der Bund geht seit Donnerstag davon aus, dass in der ganzen Schweiz bis Ende Juli alle zweimal geimpft sind, die das wollen. Zuvor war stets von Ende Juni die Rede. Aktuell rechnet der Bund mit einer hohen Impfbereitschaft von 75 Prozent bei den Risikogruppen und 60 Prozent bei der übrigen Bevölkerung.
Selbst mit der ersten Impfung können viele Erwachsene unter 65 Jahren, die nicht zu einer Risikogruppe zählen, nicht im Gesundheitswesen arbeiten und auch nicht mit besonders gefährdeten Personen zusammenleben, kaum vor Juni rechnen. Wollen sich mehr als vom Bund erwartet impfen lassen oder kommt es zu Verzögerungen bei den Lieferungen, könnte es bis zur ersten Impfung auch Juli werden. Nach der ersten Dosis muss vier bis sechs Wochen gewartet werden, bis die zweite verabreicht wird.
Zurück zu Müllers: Im Kanton Bern dauern die Schulferien vom 3. Juli bis zum 15. August. Bern rechnet ebenfalls damit, dass die Impfung aller Interessierten bis Ende Juli dauern wird, geht aber nur von einer Impfbereitschaft von 50 Prozent aus. Wer also aus dem Kanton Bern ins Ausland verreisen will, der kann im besten Fall wohl nur in den beiden Augustwochen von den Erleichterungen profitieren, die eine Impfung bringt. Falls jedoch deutlich mehr als 50 Prozent eine Impfung wollen, kann Familie Müller wohl keine Auslandsferien planen, die einen Impfnachweis erfordern.
Was ist mit den Kindern?
In der Schweiz werden derzeit die Vakzine von Moderna und Pfizer verimpft. Moderna ist für Personen ab 18 Jahren zugelassen, Pfizer ab 16. Die Kinder im Alter von 10 und 14 Jahren der Beispielfamilie Müller können also noch nicht geimpft werden. Es ist unklar, ob und wann Impfstoffe für Kinder freigegeben werden.
Viele Länder, die derzeit eine Testpflicht für Reisende kennen, machen für Kinder bis 12 Jahre eine Ausnahme. Selbst wenn Herr und Frau Müller vor dem Start ihrer Ferien geimpft sein sollten: Das ältere Kind wird möglicherweise einen Test brauchen.
Was wäre, wenn die Müllers in einem anderen Kanton wohnen würden?
Der Kanton Zürich geht davon aus, dass erst Ende August alle Impfwilligen zum Zug gekommen sein werden. Die Schulferien dauern in Zürich vom 17. Juli bis zum 22. August. Die Müllers müssten hier also damit rechnen, dass die Impfung zu spät kommt für die Sommerferien.
Im Kanton Basel-Stadt sollen bis Ende Juni sämtliche Erwachsenen, die das wünschen, eine erste Impfung erhalten haben. Die Zweitimpfung folgt für einen Teil der Bevölkerung erst im Juli. Da die Schulferien in Basel am 15. August zu Ende sind, könnte die Familie hier allenfalls noch für die letzten beiden Wochen auf die Impfung hoffen.
Wird wenigstens der Impfpass bis zum Start der Sommerferien bereit sein?
«Bis im Sommer» soll der Impfpass, der inzwischen offiziell Covid-Impfzertifikat heisst, verfügbar sein. Das hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) diese Woche angekündigt. Ob dieses sehr breit definierte Ziel erreicht wird, ist allerdings nicht sicher. Anders als in der EU, die ihren Impfpass für Juni angekündigt hat, ist in der Schweiz noch nicht einmal das Konzept fertig ausgearbeitet.
Ist der Impfpass sofort nach der zweiten Impfung gültig?
In der Schweiz gelten Personen erst zwei Wochen nach der Verabreichung der zweiten Dosis als geimpft, wie das BAG bestätigt. Man halte sich an die Empfehlung der Eidgenössischen Kommission für Impffragen. In anderen Ländern gilt eine kürzere Frist. In Israel, wo bereits ein Impfpass ein Leben ohne Restriktionen ermöglicht, kann dieser eine Woche nach der zweiten Dosis aufs Handy geladen werden.
Wie kommen bereits Geimpfte zu ihrem Impfpass, wenn es diesen einmal gibt?
Seit dem Start der Impfkampagne riet der Bund, die Corona-Impfung beim ersten Termin in das elektronische Impfbüchlein Meineimpfungen.ch eintragen zu lassen. Auf dessen Basis könnte den bereits Geimpften nachträglich ein fälschungssicheres und international anerkanntes Zertifikat ausgestellt werden. Wegen eines Datenlecks ist Meineimpfungen.ch aber seit Anfang Woche bis auf weiteres vom Netz. Der Bund prüft, auf welcher anderen Datenbasis das Impfzertifikat nachträglich automatisiert ausgestellt werden könnte.
Die Daten der bereits geimpften Personen befinden sich in digitalisierter Form bei den Stellen, die die Impfung verabreicht haben. Laut BAG sollen für das Zertifikat die Daten aus diesen Systemen übernommen werden können. Der genaue Prozess müsse noch definiert werden. Grundsätzlich kann jede Person, die sich bereits gegen Covid-19 geimpft hat, ein einheitliches, fälschungssicheres Covid-19-Zertifikat erhalten. Derzeit bekommt jeder Geimpfte eine Bestätigung auf einem Zettel sowie Einträge in das Papier-Impfbüchlein.
Familie Müller würde gern am Mittelmeer Sommerferien machen. Kann sie das auch ohne Impfung und Impfpass?
Sofern die Reise ein Mitgliedsland der EU betrifft: ja. Das hat die EU-Kommission letzte Woche bei der Präsentation ihrer Pläne für den Impfpass klar festgehalten. Der freie Personenverkehr innerhalb der EU und mit der Schweiz gilt. Allerdings sind echte und sorgenlose Ferien nur mit einem Impfpass gesichert. Wer keinen hat, muss möglicherweise mit bis zu zwei Wochen Quarantäne im Zielland rechnen. Die Entscheidung, welche Reisebeschränkungen aufgehoben werden, überlässt Brüssel aber den Mitgliedsstaaten. Die ersten gewähren Geimpften bereits heute Vorteile bei der Einreise – neben dem Verzicht auf eine Quarantäne kann das auch der Erlass eines Corona-Tests sein.
Es gibt bereits den internationalen Impfausweis auf Papier (gelbes Impfbüchlein). Reicht dieser nicht auch für eine Reise ins Ausland?
Jene Länder innerhalb und ausserhalb Europas, die Reisebeschränkungen für Geimpfte aufheben oder erleichtern, akzeptieren derzeit in der Regel einen einfachen Nachweis auf Papier, der nicht fälschungssicher ist. Ob das in der EU noch so sein wird, nachdem der neue, fälschungssichere Impfpass eingeführt ist, ist unklar.
Und was ist mit der Rückkehr in die Schweiz? Droht auch im Sommer noch die Quarantäne, falls ein Land auf der Risikoliste landet?
Griechenland, Teile Italiens und Frankreichs, Zypern, Malta: Viele der beliebtesten Sommerreiseziele der Schweizerinnen und Schweizer stehen derzeit auf der Risikoliste des BAG. Wer von hier einreist, muss in Quarantäne. Aktuell gilt das auch für Geimpfte.
Ob das auch im Sommer noch so sein wird, ist offen. Die Einreisebestimmungen für vollständig geimpfte Personen seien zurzeit in Diskussion, auch auf internationaler Ebene, schreibt das BAG. Die Erkenntnisse zur möglichen Übertragung und Weiterverbreitung des Virus bei Geimpften spielten dabei ebenfalls eine Rolle. Bisher hatte der Bundesrat jeweils darauf verwiesen, dass Impfprivilegien erst möglich seien, wenn alle geimpft seien, die das wollten. (Markus Brotschi und Luca De Carli)

