«Nun freue ich mich auch einmal auf einen freien Sonntag»
Die Kirche Sitzberg war am vergangenen Sonntag gut gefüllt. Wer am Abschiedsgottesdienst von Pfarrer Felix Marti beiwohnen wollte, musste seinen Platz vorgängig reservieren. Denn aufgrund der aktuellen Corona-Massnahmen ist die Teilnehmeranzahl an Gottesdiensten auf 50 beschränkt.
«Es war ein wunderschöner Abschied», meint der abtretende Pfarrer. Marti war zwei Jahre lang in der Reformierten Kirchgemeinde Sitzberg tätig, zuletzt in einem 50-Prozent-Pensum.
Kirche als Treffpunkt
Die kleine Kirchgemeinde war seine letzte Station als Pfarrperson. Nun geht der 66-Jährige in den wohlverdienten Ruhestand: «Ich habe fast 38 Jahre als Pfarrer in unterschiedlichen Kirchgemeinden gearbeitet, nun freue ich mich auch einmal auf einen freien Sonntag.»
«Die Leute hier wohnen versprengt auf dem Hügel, aber die Kirche ist immer noch ein Treffpunkt.»
Felix Marti, abtretender Pfarrer von Sitzberg
Er blickt mit guten Gefühlen auf seine Zeit als Pfarrer auf dem Sitzberg zurück. «Die Gemeinde hat eine eigene Identität», betont er. «Die Leute hier wohnen versprengt auf dem Hügel, aber die Kirche ist immer noch ein Treffpunkt.»
An so einem Ort zu arbeiten, war für ihn nichts Neues. «In den ersten elf Jahren meiner Pfarrlaufbahn habe ich in kleinen Bündner Berggemeinden gearbeitet», erinnert er sich.
Die Kirchgängerinnen und Kirchgänger auf dem Sitzberg seien durchaus anspruchsvoll gewesen. «Es gehört zum Beruf dazu, dass man ansprechende und inhaltlich gehaltvolle Gottesdienste gestaltet», so Marti. Und diese seien jeweils gut besucht gewesen, auch zum Abschluss: «Es waren nie weniger als 12 Personen da, manchmal waren es aber auch 70.»
«Konf» im Fernunterricht
Martis letztes Arbeitsjahr in der Kirchgemeinde Sitzberg war geprägt von der Corona-Krise. Dies war auch für den erfahrenen Pfarrer eine grosse Herausforderung: «Man musste sich alles dreimal überlegen und schauen, dass man Zwischenräume findet, wo man etwas durchführen kann.»
Dies sei zwar aufwändig gewesen. «Aber auch sehr spannend.» Anstelle von Hausbesuchen versuchte er per Telefon den Kontakt zur Gemeinde zu halten. Zu Ostern, als Gottesdienste nicht erlaubt waren, schrieb Marti einen Zuspruch für die Gemeindemitglieder. Dieser wurde in gedruckter Form zusammen mit Schokoladeneiern in die Briefkästen gelegt.
Auch der Konfirmationsunterricht konnte letztes Jahr nicht im gewohnten Rahmen stattfinden. «Mit Werkstatt-Methoden und zwei Weekends konnten wir im Home-Schooling dennoch die Konfirmation zum Thema ‹Sklaverei heute› vorbereiten und im Herbst durchführen», erklärt der Pfarrer.
Dass diese Gratwanderung so gut geglückt sei, liege nicht nur an ihm. «Die Zusammenarbeit mit der Kirchenpflege war während meiner ganzen Amtszeit hervorragend», betont Marti. Dies sei auch in der Corona-Krise zum Tragen gekommen.
«Die Kirchenpflege ist mitverantwortlich dafür, dass Leben herrscht in der Kirchgemeinde. Es mag eine kleine Gemeinde sein, aber die Kirchenpflege trägt ihr Sorge.» Die Überschaubarkeit der Gemeinde stuft er deshalb nicht als Schwäche, sondern als Stärke ein.
Fusion sei keine Option
Aus diesem Grund würde er eine Fusion der Kirchgemeinde beispielsweise mit der Reformierten Kirche Turbenthal-Wila ablehnen. «Dann hätte Sitzberg noch ein bis zwei Vertreter in der Kirchenpflege und hier auf dem Berg würde nichts mehr passieren.»
Gemeindefusionen seien nicht in jedem Fall abzulehnen. «Aber für Sitzberg ist es das falsche Modell», betont Marti, der freiberuflich als Organisationsberater für Kirchgemeinden tätig ist.
«Mit einem lachenden und einem weinenden Auge lassen wir ihn ziehen.»
Debora Bachmann, Präsidentin der Kirchenpflege Sitzberg
Sein Lob für die enge und gute Zusammenarbeit mit der Kirchenpflege ist nicht einseitig. Für Debora Bachmann, Präsidentin der Kirchenpflege Sitzberg, war er ein sehr wertvoller Pfarrer für die Gemeinde: «Wir haben ihn überaus geschätzt», sagt sie.
«Mit einem lachenden und einem weinenden Auge lassen wir ihn ziehen.» Selbstverständlich habe man Verständnis, dass Marti nun in den Ruhestand treten möchte. «Schliesslich hat er bereits ein Jahr über sein Pensionsalter hinaus für uns gearbeitet.»
Schwierige Suche
Die Kirchenpflege hat ursprünglich gehofft, bereits ein Nachfolger beziehungsweise eine Nachfolgerin für Marti gefunden zu haben. «Doch die Pfarrwahlkommission ist immer noch an der Arbeit. Wir hoffen, dass wir auf den 1. September wieder eine gewählte Pfarrperson haben», so Bachmann. Es sei nicht einfach, geeignete Kandidatinnen und Kandidaten zu finden. «Das hat unter anderem damit zu tun, dass wir nur ein 50-Prozent-Pensum anbieten können.»
Bis die Pfarrwahlkommission ihre Arbeit abgeschlossen hat, übernehmen Stellvertretungen die Gottesdienste. Die weiteren Aufgaben des Pfarramts wurden unter den Mitgliedern der Kirchenpflege aufgeteilt. «Ich als Präsidentin übernehme zum Beispiel die Administration», so Bachmann. (Bettina Schnider)

