Herr Tanner, wochenlang haben wir gehört, wie hochansteckend die mutierten Virusvarianten seien. Bisher blieb aber ein Wiederanstieg der Fallzahlen aus. Hat man übertrieben?
Die Vorsicht war angebracht, denn man wusste zunächst wenig. Jetzt gibt es Daten. Die guten Nachrichten sind: Die Varianten sind nicht pathogener als das Original, und der Impfstoff wirkt bei uns auch gegen die Mutanten. Nun müssen wir diese guten Nachrichten kommunizieren und nicht nur Worst-Case-Szenarien aufzeigen. Denn diese schüren Angst und Panik, das sind schlechte Leitlinien. Man muss jetzt der Bevölkerung sagen: Auch wenn eine Variante sehr ansteckend ist, gelingt es uns heute, sie zu kontrollieren.
Die Science-Taskforce, aus der Sie soeben ausgetreten sind, weist vor allem auf die Risiken hin. Nutzen sich solche Warnungen bei der Bevölkerung ab?
Aber sicher nutzt sich das ab. Wer immer nur warnt und Angst schürt, kommt kaum zum Ziel. Die Taskforce hat aber auch viele wichtige Inputs gegeben, die von den Medien und von der Politik zu wenig wahrgenommen wurden. Etwa im Mai 2020 eine umfassende Strategie zum Umgang mit der Pandemie.
Was denken Sie: Werden per Anfang März erste Lockerungsschritte möglich sein?
Es braucht jetzt auf jeden Fall Perspektiven und damit einen Ausstiegsplan. Ich befürchte, wenn wir weiterhin in einer negativen Rhetorik und in diesem Schwarzweissmuster zwischen Angstmacherei und Öffnungsforderungen verharren, dann schaffen wir die Senkung der Infektionszahlen und die baldige Rückkehr in ein gewohntes Leben nicht. Es gibt viele kreative Lösungsansätze. So gab es beispielsweise Konzerte mit wenig Zuschauern und ohne Garderobe. Dann haben die Leute die Mäntel eben auf den Knien. Besser als gar kein Konzert. Soeben hat mich ein grosser Konzertveranstalter angerufen und mir sein Schutzkonzept präsentiert, er wollte meine Meinung hören. Leute wie er sollten von der Politik und den Behörden gehört werden. Man muss solche Initiativen zulassen und fördern.
«Die Wissenschaft honoriert zu sehr die Selbstprofilierung.»
Der Bundesrat will die Fehler vom letzten Sommer vermeiden. Wie schafft er das?
Nicht plötzlich öffnen, sondern früh Konzepte machen und in Varianten planen. Sonst kann man die Dynamik kaum mehr kontrollieren. Bei der Frage nach Lockerungsschritten müssen wir Risiko und Benefit abwägen. Wenn wir beispielsweise Restaurants öffnen und Konzerte zulassen, haben wir einen riesigen Benefit: Volkszufriedenheit und mentale Gesundheit. Das wird man höchstens semiquantitativ erfassen können, beispielsweise anhand der psychischen Erkrankungen und der häuslichen Gewalt. Auf der anderen Seite steigt das Infektionsrisiko. Das kann man mit gezielten Massnahmen womöglich minimieren. Deshalb sage ich: Kreativität und eine Gesamtsicht sind gefragt.

