Onlinesitzungen sind zurzeit Mode. Also, gezwungenermassen Mode, es sollen ja menschliche Kontakte möglichst vermieden werden. Und so sitze ich halt allein vor meinem Bildschirm und treffe meine Mitstreiterinnen und Mitstreiter nur virtuell.
Erst räumte ich einigermassen auf – zumindest den Teil meines Zimmers, der von der Kamera erfasst wird. Gesprächsbeiträge aus dem Chaos wirken weniger ernsthaft. Die Sitzung –das Thema spielt hier keine Rolle – begann völlig normal, der Sitzungsleiter begrüsste alle, stellte die Tagesordnung vor.
Die Stimmen klangen leicht verzerrt. Sonst war es Business as usual. Argumente, Ideen, Gegenargumente, Vorschläge… das kennen Sie ja. Immer illustriert von etwas verzögerten, ruckenden Bewegungen der Sprechenden.
Plötzlich schien der Bildschirm zu spuken: aus den bisherigen Gesichtern wurden tausende. Ein metaphysisch-gruseliger Anblick stellte sich ein, genau so wie es Mani Matter einst beschrieb: «E Männerchor us mir alei, es cheibe gspässigs Gfüel».
Das ist unser momentanes Lebensgefühl. Ob virtuelle Sitzung, Apéros via Skype, Beerdigungsriten verfolgt übers Handy oder Familienfeiern aus der Ferne… Man sagt, mit der Zeit gewöhne sich der Mensch an alles. Also ich hoffe, dass das nicht stimmt. (Guy A. Lang)

