«Mach nöd sones Gsicht», war die ultimative Aufforderung meines Vaters, wenn mir öppis nicht passte, ich aber nichts sagen konnte – besser durfte. Dabei hatte ich doch nur ein Gesicht.
Erst später habe ich verstanden, was er meinte, nämlich dann, als meinem besten Kindergartengspänli das Znünibrot in den Dreck fiel. Ich sah, wie das fröhliche Gesicht sich veränderte, die Mundwinkel fielen runter, die Stirn runzelte sich und die Augen wurden ganz klein.
Seither lassen mich Gesichter nicht mehr los. Ich beobachte sie gerne, vor allem Mienenspiele und Ausdrücke. Die Variationen gehen ins Unendliche, je nach Stimmung und Situation.
Da schaut einer traurig drein, eine setzt das Pokerface auf, die dritte Person überspielt lächelnd Niederlagen. Kommt die individuelle Umgebung der Gesichter dazu: Frisuren, Makeup, Schminke, Bartbehaarung und ähnliches. Rilke hat seinen Satz in der Vor-Corona-Zeit verfasst.
Denn sonst hätte er bestimmt noch von Masken gesprochen, vom Verbergen der Gesichter. Denn jetzt haben eine Menge Menschen nicht nur mehrere Gesichter, viele haben gar keins, weil Masken, Sonnenbrillen, Kappen und ähnliches die menschlichen Züge verstecken. Eigentlich eine gute Zeit für Banküberfälle. Wenn nur die Schalter noch wären wie früher, aber heute? (Guy A. Lang)

