Kann die Schweiz ihre sechs Corona-Versprechen halten?
1487 Ansteckungen mit dem Coronavirus wurden dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) am Freitag gemeldet – so viele wie nie zuvor. Dennoch gab sich Anne Lévy, seit Anfang Oktober BAG-Direktorin, bei ihrem ersten Auftritt vor den Medien zuversichtlich: «Wir sind gut aufgestellt, um auch die kommenden schwierigen Monate zu meistern.»
Hat die Schweiz ihre Hausaufgaben in den letzten Monaten tatsächlich gemacht? Erreicht sie ihr erklärtes Ziel, den Winter ohne weiteren landesweiten Lockdown zu überstehen? Sechs zentrale Versprechen im Check:
1. Contact-Tracing um jeden Preis
«Egal, was passiert: Wir werden das Contact-Tracing bis am Ende der Krise durchziehen.»
Alain Berset am 13. September
Diese Ansage machte Bundesrat Alain Berset Mitte September. Doch seither mehren sich die Anzeichen, dass viele Kantone Mühe haben mit dem Contact-Tracing. So gab die Zürcher Gesundheitsdirektorin am Donnerstag zu, dass das Tracing in ihrem Kanton langsamer geworden sei.
Die Waadt musste inzwischen die Quarantäne-Regeln lockern – wegen der prekären Situation beim Contact-Tracing. Und im Jura war die Corona-Hotline am Wochenende überlastet, weil es in mehreren Ausgehlokalen zu Ansteckungen kam.
Matthias Egger, bis Ende Juli Leiter der wissenschaftlichen Corona-Taskforce des Bundes, stimmen die jüngsten Entwicklungen wenig optimistisch. Er sagt: «Wir drohen einen ähnlichen Weg einzuschlagen wie Holland oder Frankreich: Dort ist angesichts der hohen Fallzahlen kein seriöses Contact-Tracing mehr möglich.»
Er wolle den Teufel nicht an die Wand malen, so Egger. «Klar ist jedoch, dass die Kapazitäten endlich sind – auch wenn die Kantone ihre Contact-Tracing-Teams laufend ausbauen.»
2. Datenaustausch in Echtzeit
«Im September wird es einen automatischen Datenaustausch vom Contact-Tracing zum Bundesamt für Gesundheit geben.»
Sang-Il Kim am 5. August
Dies versprach Sang-Il Kim, beim BAG zuständig für die Digitale Transformation, Anfang August. Er reagierte damit auf den Vorwurf, der Austausch von Tracing-Daten zwischen den Kantonen und dem Bund funktioniere nicht gut.
Nötig sei eine zentrale Datenbank, in der die Daten in Echtzeit zusammenfliessen, betonten Vertreter der Corona-Taskforce wiederholt. Auch die Kantone forderten mit Nachdruck, der Datenaustausch müsse spätestens im Oktober gewährleistet sein, wenn Grossanlässe wieder erlaubt sind.
Bis heute ist dies aber nicht der Fall. «Das BAG ist derzeit daran, die Contact-Tracing-Datenbank aufzubauen», schreibt die Gesundheitsdirektorenkonferenz. Laut dem BAG liefern erst vier Kantone die notwendigen Daten.
Ex-Taskforce-Chef Matthias Egger ärgert sich: «Das BAG sagte schon im Juni, dass die Datenbank im Juli bereit sein werde. Jetzt haben wir Oktober – und die Datenbank ist immer noch nicht einsatzbereit.»
Insbesondere in den letzten Wochen und Monaten wäre es ihm zufolge «wahnsinnig wichtig gewesen, auf solche Daten in Echtzeit zurückgreifen zu können». Nur wenn man verstehe, wo sich die Leute anstecken, könne man die Pandemie kontrollieren und präzise Gegenmassnahmen ergreifen.
3. Corona-Alarm via Smartphone
«Die Swiss Covid App ist ein zusätzliches Instrument, das einen grossen Nutzen verspricht.»
Medienmitteilung des BAG vom 25. Mai
So war es Ende Mai in einer Mitteilung des BAG zu lesen. Damals ging die App in die Pilotphase. Heute ist sie auf rund 1,6 Millionen Handys aktiv.
Matthias Egger spricht von einem Teilerfolg: «Es ist erfreulich, dass immer wieder Transmissionsketten dank der App unterbrochen werden.» Allerdings lasse sich nicht leugnen, dass sich die Verantwortlichen ursprünglich höhere Nutzerzahlen erhofft hatten.
«Bei einer Durchdringung der Bevölkerung von 60 Prozent oder mehr würde die App die maximale Wirkung entfalten», so Egger. Wünschenswert wäre bereits eine Abdeckung von 40, 50 Prozent. Auch diese wird aber nicht erreicht.
Immer wieder berichten Medien zudem über Fälle, in denen positiv getestete Personen zu lange keinen Code erhalten oder nicht genügend betreut werden.
4. Genug Betten für den Ernstfall
«Kern unserer Strategie bleibt es, eine Überlastung der Spitäler zu verhindern.»
Alain Berset am 29. April
Alain Berset sagte dies Ende April, als die Corona-Massnahmen schrittweise gelockert wurden. Die Angst vor einer Überlastung des Gesundheitswesens war der Hauptgrund, weshalb der Bundesrat im März den Lockdown beschlossen hatte. Damals fehlte eine Übersicht, wie viele Betten auf Intensivstationen und Beatmungsgeräte zur Verfügung standen.
Inzwischen verfügt die Schweiz über zuverlässige Daten. Und die zeigen, dass das Gesundheitswesen schweizweit nie überlastet war – die Spitäler hatten nach Anlaufschwierigkeiten rasch viele zusätzliche Intensivpflegeplätze geschaffen.
Diese wurden seither grösstenteils wieder abgebaut. Experte Egger ist sich jedoch sicher: «Unsere Spitäler könnten rasch wieder in den Krisenmodus wechseln und zusätzlichen Platz für Covid-Patienten schaffen.»
Bei den Beatmungsgeräten war die weltweite Nachfrage im Frühjahr so gross, dass zusätzliche Geräte nur noch schwer zu beschaffen waren. Die Armeeapotheke konnte trotzdem rund 1500 kaufen. 1000 sind noch in Reserve.
5. 40’000 Tests pro Tag
«Um rasch auf einen Wiederanstieg der Fallzahlen reagieren zu können, soll so viel getestet werden, wie möglich und sinnvoll ist.»
Medienmitteilung des BAG vom 24. Juni
Das schrieb das Bundesamt für Gesundheit im Juni, als bekannt gegeben wurde, dass der Bund ab sofort die Kosten für Corona-Tests übernimmt. Dieses Versprechen konnte bislang gehalten werden. Die Schweiz hat derzeit eine Kapazität von über 20’000 Corona-Tests pro Tag. Sie wurde seit Ende Juni nie ausgeschöpft.
Dennoch gab es zuletzt Berichte, wonach die Testmaterialien knapp werden könnten. Die Konferenz der Gesundheitsdirektoren erhält unterschiedliche Rückmeldungen aus den Kantonen zur Versorgungslage, wie ein Sprecher sagt.
Allgemein gelte: Für das aktuelle Testniveau reichten die Materialien derzeit aus. Schwierig könnte es bei einer Ausweitung auf bis zu 40’000 Tests pro Tag werden – dem Ziel des Bundes für diesen Winter.
6. Masken auf Vorrat
«Es gibt in der Schweiz genügend Hygienemasken für die Bevölkerung.»
Brigadier Markus Näf am 11. Mai
Nach Ausbruch der ersten Welle waren Masken, Desinfektionsmittel und medizinische Schutzkleidung in der Schweiz rasch knapp geworden. Im Mai gab der zuständige Brigadier Markus Näf dann Entwarnung: Inzwischen seien genügend Schutzmasken verfügbar. Der Bund hatte sie in grosser Zahl gekauft und an den Detailhandel abgegeben.
Doch wie sieht es für den kommenden Winter aus? «Im Moment spielt der Markt, wobei er bei einzelnen Produkten, unter anderem bei Einweghandschuhen und Schutzkitteln, immer noch eng ist», heisst es beim Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung.
Da die Anbieter in der Schweiz kaum Lager unterhielten, lasse sich keine zeitliche Vorhersage machen. «Hingegen hält der Bund für 40 Tage Schutzmaterial an Lager, und die Kantone wurden angehalten, ebenfalls im gleichen Umfang Schutzmaterial zu bevorraten.»
Mit einer Übergangslösung soll zudem gewährleistet werden, dass weiterhin genug Ethanol für die Herstellung von Desinfektionsmitteln verfügbar ist. Das Parlament hat dazu jüngst einem Verpflichtungskredit von rund 5,8 Millionen Franken zugestimmt. 6000 Tonnen Ethanol wären nötig, um im Fall einer zweiten Pandemiewelle den Bedarf im Umfang von ungefähr drei Monaten abzudecken.
Davon sind aktuell allerdings erst 1000 Tonnen an Lager. «Weitere 3000 Tonnen sind vertraglich zugesichert und werden voraussichtlich ab November aus Brasilien angeliefert», so ein Sprecher des Bundesamts für wirtschaftliche Landesversorgung. «Eine genaue Terminierung der Lieferungen ist aufgrund logistischer Engpässe noch nicht möglich.» (Jacqueline Büchi, Luca De Carli)

