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Die ungewisse Zukunft der Igel

Schweizweit werden unzählige unterernährte Igel gefunden. 50 bis 80 besorgte Anrufe erhält die Geschäftsstelle Pro Igel in Russikon derzeit pro Tag. Die schwindende Anzahl der Igelpopulationen wurde nun auch wissenschaftlich erforscht – mit düsteren Aussichten.

Laut einer neuen Studie ist die Zahl der Igel in der Stadt Zürich in den letzten Jahren stark zurückgegangen. , Grüne Wohngebiete im Siedlungsgebiet galten lange als Refugien für Igel., Nun wird auch dort das Nahrungsangebot knapp.

Archivfoto: Seraina Boner

Die ungewisse Zukunft der Igel

In der Vergangenheit hat in der Geschäftsstelle Pro Igel Russikon in der Zeit vor und nach dem Winterschlaf «Hochsaison» geherrscht. «Jetzt haben wir das ganze Jahr durch Anrufe», sagt Bernhard Bader, Präsident des Vereins. « Ich hätte nie gedacht, dass es mal so weit kommen wird.» Für ihn ist die steigende Zahl der Meldungen ein klares Zeichen dafür, wie schlecht es um die Tiere steht.  « Wir werden noch mehr Igel verlieren. »

«Die Gründe, warum nun auch die Population in den städtischen Gebieten schrumpft, sind zurzeit noch weitgehend unklar.»

Anouk Taucher, Wildtierbiologin

Gemäss einer aktuellen Studie hat der Bestand der Igel in der Stadt Zürich innert 25 Jahren um 40 Prozent abgenommen, die Fläche, die von ihnen besiedelt wird, schrumpfte um 18 Prozent. Ein Wert, der auch auf Oberländer Gemeinden ableitbar ist, bestätigt Wildtierbiologin Anouk Taucher. «Dabei muss es sich nicht einmal um eine Stadt handeln.»

Dass sich die Igel aus ländlichen Regionen zurückziehen, sei schon länger bekannt. Intensive Landwirtschaft und die Abnahme von Versteckstrukturen haben die Tiere dazu gezwungen, sich ein Refugium in den Siedlungsgebieten zu suchen.

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…wurde die Verbreitung der Igel in der Stadt Zürich erfasst. (Fotos: stadtwildtiere.ch)

«Die Gründe, warum nun auch die Population in den städtischen Gebieten schrumpft, sind zurzeit noch weitgehend unklar», sagt Taucher. Als Ursachen des Rückgangs könnten verschiedene Faktoren eine Rolle spielen: Zunehmende Verdichtung des städtischen Lebensraums, Abnahme der Artenvielfalt in Gärten, zunehmende Undurchlässigkeit des Lebensraums durch Strassen, Mauern und Zäune, Einsatz von Pestiziden, zunehmender Autoverkehr sowie Parasiten oder Krankheiten.

«Es herrscht Notstand»

Gibt es weniger Igel, sollte auch die Geschäftsstelle in Russikon, die vom Verein Pro Igel Schweiz betrieben wird, weniger Arbeit haben. «Im Gegenteil», sagt Bernhard Bader, Geschäftsleiter des Vereins. «Seit rund vier Jahren steigt die Zahl der Anrufer stetig.» Momentan erhalte die Station 50 bis 80 Anrufe täglich aus der ganzen Schweiz. «Es herrscht Notstand.»

« Bei grossen Laubsaugern ist es schon vorgekommen, dass kleine Igel weggesaugt wurden. »

Bernhard Bader, Geschäftsleiter Verein Pro Igel

Die meisten melden sich, weil sie einen unterernährten Igel gefunden haben, sagt Bader. Die Tiere seien oft klein und geschwächt, meistens auch von Parasiten befallen. Seiner Meinung nach ist denn auch das schwindende Nahrungsangebot die grösste Herausforderung für den Igel.

Im Herbst warten zusätzliche Gefahren auf die Tiere: «Laubsauger sind lebensfeindlich und saugen nebst dem Laub, auch Nahrungstiere des Igels in den Sack», sagt Bader. Bei grossen Laubsaugern sei es schon vorgekommen, dass kleine Igel ebenfalls weggesaugt wurden. 

Der Igel ist das einzige Wildtier, das in der Öffentlichkeit krank wird und stirbt. «Andere Tiere wie etwa Marder, Katzen oder der Fuchs verkriechen sich eher, ein Igel bleibt einfach irgendwo liegen und wird dort gefunden», sagt Bader. Wer einem abgemagerten Igel helfen will, kann es darum mit zufüttern versuchen. «Katzenfutter ist besser als nichts, aber eigentlich kann nur teures Reptilienfutter die Bedürfnisse der Igel am ehesten decken.»

«Jetzt haben wir das ganze Jahr durch Anrufe. Ich hätte nie gedacht, dass es mal so weit kommen wird.»

Bernhard Bader, Geschäftsführer Verein Pro Igel

Das Zufüttern müsse jedoch gezielt geschehen. «Nicht einfach eine Schale mit Futter in den Garten stellen, sondern nur, wenn das Tier auch da ist», sagt Bader. Igel seien schlau und würden sich schnell merken, wann und wo es für sie etwas zu fressen gibt. «Und wenn es dann einmal nichts zu essen gibt, melden sie sich lautstark.»

Klimaerwärmung als unberechenbarer Faktor

Wie sich die Situation der Igel in Zukunft entwickeln wird, ist ungewiss. Ein entscheidender Faktor dabei spielt die Klimaerwärmung. «Wenn die Temperaturen nicht genügend sinken, wird der Igel irgendwann keinen Winterschlaf mehr machen», sagt Biologin Anouk Taucher. Dies sei insofern ein Problem, dass der Igel in den Wintermonaten nicht genügend Nahrung, also Insekten findet.

Ein zweiter Punkt ist der Stoffwechsel der Tiere, der auf einen Winterschlaf mit niedrigem Energieverbrauch ausgelegt ist. «Ob sich der Stoffwechsel genügend schnell an die Umwelt anpassen kann, ist unwahrscheinlich», sagt Taucher. Dies sei jedoch ein Gebiet, das noch wenig erforscht ist. «Für genauere Prognosen braucht es weitere Daten.»

Ein Igel braucht Hilfe, wenn er verletzt ist, sich nicht einkugelt, apathisches Verhalten zeigt, viele Zecken, Fliegen oder Maden hat. Hilfsbedürftige Igel gehören in die Hände von Fachleuten, vor jedem Eingreifen sollte eine Igelstation oder ein Tierarzt angerufen werden.Weitere Informationen unter www.pro-igel.ch

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