Seine Kinder spielen im Garten, zwei Tessiner Freunde trinken ein Glas Wein, seine Frau räumt den Tisch ab und serviert einen Espresso. Marco Chiesa fühlt sich wohl hier oben auf der Lenzerheide, wo er seine Ferien verbringt. Die Costini – seine Lieblingsspeise – liegen noch etwas schwer im Magen, der Wein beschert ihm eine leichte Rötung im Gesicht, die Stimmung ist aufgeräumt, unbeschwert. Die langen Abende im Rössli oder im Sternen im Zürcher Hinterland, all die Mühseligkeiten, die ein Amt als Parteipräsident mit sich bringt – sie sind noch weit weg. La vita è bella.
Das Bild des entspannten Südländers – Wein, Costini, Espresso –, es entspricht ziemlich genau den Vorstellungen (den Klischees) der Deutschschweizer Journalisten. Und jenen der Deutschschweizer Parteikollegen. Chiesa erinnere ihn etwas an die verstorbene Schlagersängerin Nella Martinetti, erzählte SVP-Nationalrat Christian Imark dem «Blick». «Mit seiner gutmütigen Art und dem Tessiner Akzent könnte er zum Sympathieträger avancieren.»
Zurückgegelte Haare, verspiegelte Sonnenbrille
Innerhalb der Partei hatte der Tessiner Ständerat bisher einen nationalen Auftritt – und auch der war nicht frei von klischierten Vorstellungen. In der ersten Episode des aufwendig produzierten und etwas wirren SVP-Wahlkampffilms 2019 überlegt die Deutschschweizer Parteielite, wem man einen nicht näher definierten «Geheimplan» anvertrauen könnte. Einem Tessiner vielleicht?
Auftritt Chiesa. Zurückgegelte Haare, verspiegelte Sonnenbrille. «Ciao Marco!», ruft eine Blondine von einem Balkon herunter, «la tua Pizza!» Worauf Chiesa seinen Posten sofort verlässt. Einer Pizza kann ein Tessiner nicht widerstehen. Für einen vertrauensvollen Job in der Partei: völlig ungenügend.

