Herr Bundesrat, erleben wir gerade die zweite Welle der Corona-Pandemie?
Alain Berset: Ich hoffe es nicht. Wir haben die Situation im Moment im Griff, die Fallzahlen explodieren nicht wie im Februar und März. Aber sie sind in den letzten zwei Wochen stärker gestiegen. Und das beunruhigt uns. Gut, dass Kantone Massnahmen ergreifen. Was der aktuelle Anstieg für die kommenden Monate bedeutet, ist für uns – genauso wie für alle anderen Länder – noch ein Rätsel.
Eigentlich sind die Voraussetzungen für das Virus ungünstig: hohe Temperaturen, Schulferien, wenig Leute im ÖV. Wenn die Fälle schon jetzt steigen, wird es im Herbst übel.
Es ist nicht verwunderlich, dass die Zahlen trotz Sommerferien zunehmen: Die Leute gehen wieder ins Restaurant, machen Ferien, treffen Freunde. Ich kann dieses Bedürfnis gut verstehen. Gleichzeitig beobachte ich mit Sorge, dass die Disziplin abnimmt. Es gibt Leute, die sich wieder die Hände schütteln. Das ist ein grober Fehler! Wie stark die Jahreszeit das Virus beeinflusst, wissen wir noch zu wenig. Aber ziemlich sicher wird sich die Situation im Herbst nicht verbessern, sondern schwieriger werden, wenn mehr andere Viren zirkulieren.
Ausgerechnet in dieser heiklen Phase passierte dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) bei der Auswertung der Ansteckungsorte ein peinlicher Fehler. Böse Zungen sprechen bereits vom «Bundesamt für Fehltritte».
Für das BAG, das in den letzten Monaten pausenlos intensiv gearbeitet hat, ist es hart, was jetzt an Kritik kommt. Jeden Tag erreichen das BAG viele Anfragen von Medien und Bürgern. In so einer Situation kann ein Fehler passieren. Natürlich ist das unschön. Aber das BAG hat sich entschuldigt, und wir werden intern organisatorische Konsequenzen ziehen.
Punkto Digitalisierung macht das BAG in der Corona-Krise generell keine gute Figur. Haben Sie und Ihr Amt die digitale Entwicklung verschlafen?
Ich teile Ihre Einschätzung, dass die Digitalisierung im Schweizer Gesundheitswesen viel zu wenig weit ist. Beispielsweise die Debatte über das elektronische Patientendossier in den letzten Jahren zeigt, dass solche Prozesse in der Schweiz sehr komplex sind. Im Parlament mussten wir damals grosse Kompromisse machen, sonst wäre das ganze Gesetz abgestürzt. Ich hoffe, dass die Corona-Krise zumindest hier etwas Gutes hat und einen Durchbruch für die Digitalisierung bringt.
«Viele Personen wissen schlicht nicht, wo sie sich angesteckt haben.»

