Zugegeben, ich bin in einem zwinglianischen Umfeld aufgewachsen. Müssiggang ist aller Laster Anfang. Dennoch haben mir meine Eltern etwas Wichtiges mitgegeben. Neben der Arbeit muss man das Leben auch geniessen können. Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen.
Und solche Momente des Genusses wurden auch zelebriert. Meist ein feines Nachtessen oder am Sonntag ein Mittagessen mit Gästen. Dabei kam es nicht darauf an, das Teuerste aufzutischen, sondern das Mahl zu zelebrieren. Eine Vorspeise und ein Dessert gehörten dazu.
Zeit brauche ich zum Geniessen. Ein Sandwich auf dem Weg vom Kiosk zum Zug zu verzehren, ist kein wirklicher Genuss. Es genügt zur Kalorienaufnahme. Dasselbe Sandwich auf einer Parkbank in der Sonne langsam verzehrt kann genossen werden. Dabei den vorbeiziehenden Menschen zuschauen, die Wolken über den Himmel wandern lassen, dem Gezwitscher der Vögel zuhören zu können und Kindern beim Spielen zuzuschauen, erhöht den Genuss ungemein.
Genuss braucht Zeit, die Eile verdirbt ihn. Zeit haben heisst aber nicht, dass Genuss ein möglichst langer Vorgang sein muss. Es genügen wenige Minuten bis einige Stunden. Von der ersten Tasse Kaffee am Morgen bis zu einem feierlichen Mahl.
Den Genuss zuzulassen, ist nicht immer einfach. Denn es gibt ja auch einige kritische Fragen. Führt zu viel Genuss nicht zur Sucht? Schadet er meiner Gesundheit? Dahinter steckt die Frage des Masses. «Alle Dinge sind ein Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift ist», schrieb Paracelsus 1583. Das gilt nach wie vor. Ein Zuviel ist Völlerei, belastet zuerst den Magen und den Darm und später die Gesundheit in vielfältiger Form.

