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«Ich gehe mit versteckter Kamera durch die Strassen»

Wie aus einem ehemaligen Kantonsschüler der KZO ein weltweit renommierter Videokünstler wurde: Alexander Hahn erzählt im Interview von seinem Werdegang und warum er nächstes Jahr von New York nach Wetzikon kommt.

Der Videokünstler Alexander Hahn lebt in New York. Die Stadt wurde von der Coronakrise besonders hart getroffen., Alexander Hahn macht nicht nur Videokunst, sondern auch Bilder., Sie erzeugen eine ähnliche traumwandlerische Stimmung wie seine Videos., Solche Bilder nennt er simulierte Zeichnungen - gefälschte Grafiken.

Alexander Hahn

«Ich gehe mit versteckter Kamera durch die Strassen»

Alexander Hahn, 1954 in Rapperswil geboren, absolvierte die Matura an der Kantonsschule Zürcher Oberland. Heute wohnt und arbeitet der Videokünstler in Zürich und New York. Er gilt im Bereich Neue Medien als Pionier, arbeitet aber auch auf Papier, mit Videoinstallationen- und Skulpturen.

Seine Werke stellt er auf der ganzen Welt aus, sie finden sich auch in so bedeutenden Sammlungen wie dem Centre Pompidou in Paris. Das Kunsthaus Zürich widmete ihm 1995 eine Einzelausstellung. Auch an der Art-Tour 2020 im Oberland war eine Arbeit von ihm in der Galerie von Sergio Tommasi zu sehen.

Alexander Hahn, ich erreiche Sie in New York. Im Hintergrund höre ich das typische Sirenengeheul. Wann kommen Sie wiedermal ins beschauliche Oberland?
Alexander Hahn: Eigentlich hätte ich im September für eine Einzelausstellung kommen sollen. Aber wegen Corona haben wir sie auf nächstes Jahr verschoben. Ich komme auf Einladung von Sergio Tommasi und Franziska Dora. Die Ausstellung wird teilweise in Sergios Galerie und im zweiten Stock der Kunstschule Wetzikon stattfinden.

Sie haben in Wetzikon die Kantonsschule besucht, danach ab 1974 die Kunstgewerbeschule in Zürich. Es war andere Zeit damals, das Künstlerdasein war sicher weniger etabliert als heute. Was sagten Ihre Eltern dazu?
Der Entschluss überhaupt ans Gymi zu gehen, war schon etwas Spezielles. Ich hatte in der sechsten Klasse einen Lehrer, der die Zweifel meiner Eltern, ob ich das Gymi schaffen würde, zerstreute. Als ich mich dann für eine künstlerische Ausbildung entschied, gab es seitens meiner Eltern erneut Zweifel.

Wie konnten Sie Ihre Eltern überzeugen?
Ich hatte einen Zeichnungslehrer als Mentor, der mit meinen Eltern sprach und ihnen sagte, dass die Kunsti für mich möglich ist. Diese beiden Lehrer waren zwei wichtige Figuren auf meinem Weg. Sie müssen wissen: Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, mein Vater war Lokführer, meine Mutter Hausfrau. Natürlich sorgten sie sich um die Ausbildung ihrer Kinder. Ich muss ihnen zu Gute halten, dass sie die Grosszügigkeit hatten und auf diese Mentoren gehört haben. Das war enorm wichtig für mich.

« Es braucht eine gesunde Neugier und etwas, das einen packt. »

Haben Sie schon früh gemerkt, dass Sie Talent für die Kunsti mitbringen?
Die künstlerische Beschäftigung hat früh angefangen, bereits vor dem Kindergarten. Aber da denkt man natürlich noch nicht daran Künstler zu werden. Ich war einfach immer sehr neugierig. Aber Talent? Klar, ich habe Talent, aber ganz viele Leute haben das und sogar mehr als ich. Das wird einem auf dem eigenen Werdegang schnell bewusst. Ich habe gemerkt: Talent ist gar nicht so wichtig.

Sondern?
Es braucht eine gesunde Neugier und etwas, das einen packt. Und dass man dem dann auch durch Widerstände hindurch nachgeht. Ich sehe mich nicht als Riesentalent, das bis ans Lebensende damit gut durchkommt. Ich muss mich irgendwie immer neu erfinden, es passiert in meinem Leben wieder Unvorhergesehenes.

Sie sind als Videokünstler ein Pionier, haben schon früh mit diesem Medium und später auch mit Computern gearbeitet. Ursprünglich kommen Sie aus der Malerei. Erinnern Sie sich an Ihren ersten Computer?
Ich hatte im Gymi in Wetzikon eine konfliktgeladene Zeit mit meinem Mathelehrer, von der ersten Stunde bis zur mündlichen Matura (lacht). Das ist keine schöne Erinnerung, aber der Typ hatte eine Vision und hat als Erster eine Computerklasse eingeführt.

Wann war das?
Bereits Anfang der 1970er Jahre . In diesem Computerraum hatten wir damals Terminals , elektrische Schreibmaschinen, die mit einem Grossrechner an der ETH verbunden waren. Wir sassen davor, wie die Schüler heute vor ihren iPads sitzen, nur halt ohne Bildschirm. Alles musste eingetippt, programmiert, das Resultat ausgedruckt werden. Mein erstes freies Programm war ein Leiterlispiel. Aber eben, Mathe und Programmieren, das ist für mich eine fremde und gleichzeitig faszinierende Welt. Plötzlich siehst du, wie diese sprachlichen Codes als Pixel auf dem Fernseher umgesetzt werden.

Wann dachten Sie: Damit kann ich künstlerisch arbeiten?
Ich hatte an der Kunsti eine Krise mit der Malerei. Was diese Krise auslöste, weiss ich nicht mehr genau. Ich merkte einfach, dass etwas fehlt. Eines Tages lag dann eine Videokamera in der Schule rum. Und ich fing an, damit rumzuspielen.

Ein Beispiel für Hahns Videokunst: «Walk on Allen Street». (Quelle: alexanderhahn.com)

Was reizte Sie an dem Medium?
Ein Künstler hat eine Stunde oder ein Jahr an einem Bild gearbeitet, aber der Betrachter macht seine eigene Betrachtungszeit daraus. Video ist hingegen ähnlich wie Musik. Ein Stück, eine Performance dauert eine Minute oder fünf Minuten und der Betrachter oder Zuhörer muss sich solange Zeit nehmen. Auch wenn nach heutigen Standards fünf Minuten wahnsinnig lang sind. (lacht)

Ihre Karriere hat dann in New York richtig angefangen. Wie war der Wechsel von der Kunsti im beschaulichen Zürich in die pulsierende Weltstadt?
Ich hatte keine Ahnung, was New York ist und mir vorgestellt, dass es hier nur Wolkenkratzer gibt. Dann kam ich hier an:  Und wow! Dieses Ineinanderfliessen verschiedener Realitäten. Hier die Wolkenkratzer, dort das Elend. Das war unglaublich. Dass ich schliesslich hier blieb, hat sich nach und nach ergeben.

Sie bekamen ein Stipendium am renommierten Whitney Museum.
Genau, dazu hatte ich ein kleines Atelier. Später konnte ich an einem Ort arbeiten, an dem es Video-Equipment gab. Der Zugang zu Ausrüstung war schwierig damals, das war eine Geldsache. Heute machst du das Gleiche am Handy. Erst Ende der 1980er Jahre dachte ich: Ich probiere es jetzt einfach als freischaffender Künstler.

« Mich dünkt es, dass das Erleben der Wirklichkeit und das Träumen gar nicht zwei verschiedene Realitäten sind. »

Ihre Videos haben etwas Traumwandlerisches. Sie spielen mit Licht, mit Unschärfe. Woher kommt das?
Den Fokus kann man als Erinnerung sehen. Mal ist sie schärfer, mal weniger scharf. Ganz banal gesagt. Aber mich dünkt es, dass das Erleben der Wirklichkeit und das Träumen gar nicht zwei verschiedene Realitäten sind. In der Realität ist man ja meist überzeugt ist, dass man da ist. Aber im Traum ist man das auch. Erst im Nachhinein denkt man: Meine Güte, was war das wieder für ein Traum? Gleichzeitig gibt es im Leben auch Momente, schicksalhafte Zufälle oder Begegnungen, in denen man sagt: « Ich kann nicht glauben, dass das passiert ist. »

Wo finden Sie Inspiration?
Man muss die Augen offen halten. Das kann unterwegs in der Stadt sein oder beim Lesen. Gerade jetzt in den letzten vier, fünf Monaten, als New York zum Epizentrum der Coronakrise wurde, konnte ich glücklicherweise weiterhin in mein Atelier gehen. Es ist ganz in der Nähe in Chinatown. Nur schon in diesen fünf Minuten zu Fuss siehst du so vieles. Auch wenn es momentan vor allem das Elend ist. Die Gegensätze sind unglaublich. Mir kommt Goya in den Sinn, als er «Desastres de la guerra» malte – seine 82 Grafiken umfassende Chronik, die den Schrecken des Krieges thematisiert .

Sie sehen sich als eine Art Chronist?
Man muss diese komische Zeit irgendwie festhalten. Ich gehe mit versteckter Kamera durch die Strassen. Was ich sehe, dürfte meiner Meinung nach nicht mehr existieren. Goya stellte die Misere dar, in der Hoffnung, dass es sie in Zukunft nicht mehr gibt.

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