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«Chinesen sind nicht alles Roboter und gleichgeschaltete Ameisen»

Spannend aber zermürbend: So fasst Pascal Nufer seine Zeit als SRF-China-Korrespondent zusammen. Diese letzten fünf Jahre hat er nun in einem Buch verarbeitet sowie eine Filmserie dazu abgedreht.

Um sein Leben und seine Arbeit in China zu verarbeiten, reiste Pascal Nufer noch einmal zurück nach Asien. , Nun hatte er endlich die Zeit, sich den Themen abseits von Politik und Wirtschaft zu widmen., Die Reise führte ihn unter anderem zu Musikveranstaltungen..., ... und einmal quer über den Himalaya. , Diese Überquerung war ein lange gehegter Traum von ihm. , Auch der Besuch bei seinen früheren Angestellten durfte nicht fehlen.

SRF

«Chinesen sind nicht alles Roboter und gleichgeschaltete Ameisen»

«Panda-Umarmer nennt man die Leute, die China gegenüber völlig unkritisch sind. Das war ich nie. Im Gegenteil.» Mit diesen Worten beginnt einer von vier Teilen der Filmreihe von Pascal Nufer. 15 Jahre lang war er für diverse Medien in Asien tätig – die letzten fünf in Schanghai als China-Korrespondent für das Schweizer Fernsehen (SRF).

Als Journalist habe er immer einen kritischen Blick auf das Riesenreich gehabt, seine Arbeit sei ein ständiges Katz- und Maus-Spiel mit den Behörden gewesen. Mit einem Filmprojekt für das SRF und 3Sat, für das er noch einmal nach China reiste, wollte er sich mit dem Land versöhnen, über das er in den letzten Jahren häufig Negatives berichtet hatte.

«Manche wurden nach einem Interview verhaftet oder verschwanden einfach. Nur weil sie ehrlich mir gegenüber waren.»

«Als Nachrichtenjournalist sucht man in den Bereichen Politik und Wirtschaft nach Dingen, die falsch laufen», sagt Nufer im Gespräch. Seine Arbeit in China bezeichnet er auch als «Fallschirmspringerjournalismus». Um etwa einen zweiminütigen Beitrag für die Tagesschau zu drehen, musste er oft an einem Tag mit dem Hochgeschwindigkeitszug rund vier Stunden quer durch das Land hin und wieder zurück reisen. «Irgendwann sieht jede Stadt gleich aus. Man hat gar keine Zeit, sich wirklich mit dem Land auseinanderzusetzen.»

Pascal Nufer ist 45 Jahre alt, kommt ursprünglich aus dem Thurgau und wohnt heute mit seiner Frau, der Tochter und dem Sohn in Effretikon. Nach ersten Erfahrungen als Radiojournalist beim SRF zog er 2004 nach Bangkok, da seine Frau dort eine Stelle als Lehrerin angetreten hatte. Von da aus arbeitete er als freier Journalist für diverse Medien wie das Schweizer Radio SRF, die NZZ oder auch die Deutsche Welle. Durch die Berichterstattung über die Tsunami-Katastrophe konnte er sich rasch ein Netzwerk aufbauen. Nach sieben Jahren in Thailand kam die Familie für kurze Zeit zurück in die Schweiz, bevor Nufer 2014 die Stelle als China-Korrespondent in Schanghai antrat. 

Er habe sich am Ende seines fünfjährigen Engagements ausgelaugt gefühlt. Die vielen Einschränkungen des politischen Systems, die ihm die Arbeit schwer gemacht hatten, hinterliessen ihre Spuren. «Gegen Ende war ich immer öfter wütend und habe die Faust im Sack gemacht.» Dass er mit seiner Arbeit auch Menschen in Gefahr gebracht habe, nage heute noch an ihm. «Manche wurden nach einem Interview verhaftet oder verschwanden einfach. Nur weil sie ehrlich mir gegenüber waren.»

Versöhnung mit den Menschen

Zurück bleibe der Eindruck eines willkürlichen, übermächtigen Staates, der durch Zensur und Überwachung die Arbeit als Journalist in ein «tägliches Schattenboxen» verwandelt habe. «Ich war in diesen fünf Jahren so mit dem politischen Staatsapparat beschäftigt, dass ich mich zu wenig mit der Bevölkerung auseinandersetzen konnte», sagt Nufer. So gehe es wohl den meisten Korrespondenten. Mit Folgen. «Im Westen vergisst man oft, dass die 1.4 Milliarden Chinesen auch Menschen sind und nicht etwa alles Roboter und gleichgeschaltete Ameisen.»

Die Versöhnung mit China musste denn auch über die Menschen stattfinden, das war für Pascal Nufer schnell klar. Die vierteilige Filmreihe ist derweil nur ein Teil der Verarbeitung. Seit er im letzten Sommer zurück in die Schweiz und nach Effretikon gezogen ist, hat er ein Buch über seine Erlebnisse geschrieben, an das sich die Dreharbeiten angelehnt haben.

Dass er bei diesem Projekt plötzlich nicht mehr nur Übermittler von Information ist, sondern selbst im Zentrum steht, sei zwar gewöhnungsbedürftig gewesen. «Doch genau dieses Hadern und persönliche Suchen, das ich durchgemacht habe, können wohl viele China-Interessierte nachvollziehen. Das Land löst Faszination und Unverständnis zugleich aus.»

Spiritualität mit grossem Stellenwert

Bei seiner Rückkehr in das grosse Reich der Mitte taucht Pascal Nufer ein in die chinesische Rockmusikszene, besucht Tempel im Himalaya, erfragt den Rat von Wahrsagern. «Um Themen wie Spiritualität habe ich als Journalist in den letzten Jahren einen weiten Bogen gemacht. Doch in China hat sie einen grossen Stellenwert.»

«Während Europa in einer Depression steckt, sind die Chinesen davon überzeugt, dass das 21. Jahrhundert ihnen gehört.»

Aber er trifft auch diejenigen Menschen noch einmal, die für ihn gearbeitet haben, etwa seinen ehemaligen Fahrer. Nur bestimmt für einmal dieser, wo es hingeht. Oder er ist zu Gast bei der ehemaligen Haushälterin, in deren Garten der Hase der Familie Nufer Unterschlupf gefunden hat. China aus der Perspektive der Bewohner zu erleben – dieses Ziel hat er damit erreicht.

«Ich war positiv überrascht, wie die Chinesen geschickt alle Hindernisse überwinden und sehr kreativ mit den Repressionen umgehen», sagt Nufer. Es herrsche eine Aufbruchsstimmung, der Glaube an die grosse Zukunft sei spürbar. «Während Europa in einer Depression steckt, sind die Chinesen davon überzeugt, dass das 21. Jahrhundert ihnen gehört.»

Mittendrin und trotzdem blind

Die letzten Szenen wurden im Januar abgedreht. Von Covid-19 erfuhr die Crew erst, als bereits Fälle in anderen Ländern auftauchten. «Wir waren zwar in China unterwegs, aber trotzdem völlig blind», erzählt Nufer. «Da fiel es mir einmal mehr wie Schuppen von den Augen, wie wichtig freie Medien sind.» Die Regierung habe die Informationen zu den Ansteckungen mit dem Coronavirus bewusst zurückgehalten, ist er überzeugt. «So haben sie sich selber in Gefahr gebracht und mussten danach entsprechend überreagieren.»

Er sei froh, den Lockdown in der Schweiz erlebt zu haben. Man sei zwar auch eingeschränkt gewesen. «Aber während in China Wohnungstüren zugeschweisst werden, hiess es hier: Bleiben Sie zuhause.» Trotzdem halte der neue Alltag auch Herausforderungen bereit. «An die Kleinräumigkeit und den strukturierten Berufsalltag musste ich mich erst gewöhnen.»

Mittlerweile arbeitet er wieder für das Schweizer Fernsehen. Statt dem Hochgeschwindigkeitszug in eine chinesische Provinz nimmt Pascal Nufer jetzt die S-Bahn von Effretikon nach Zürich. «Es war immer klar, dass wir für die Ausbildung der Kinder wieder in die Schweiz zurückkommen werden.» Dann stand für die ältere Tochter der Wechsel in die Oberstufe an – und damit für die Familie die Rückkehr.

Vor der Zeit in China haben die Nufers im Zürcher Weinland gewohnt. Dass es sie nun ins Oberland verschlagen hat, liege einerseits daran, dass Pascal Nufers Ehefrau in Winterthur als Lehrerin arbeitet und Effretikon auf der Achse Winterthur-Zürich liegt. «Zudem wohnt der eine Grossvater der Kinder in Illnau.»

Referate und Unterricht

Mit China ganz abschliessen  – dies sei weder möglich noch das Ziel. «Ich habe bereits das nächste Filmprojekt geplant», sagt Nufer. In der Auslandredaktion des Schweizer Fernsehens fliessen seine Erfahrungen sowieso jeden Tag in seine Arbeit ein. Zudem gibt er an der Fachhochschule Unterricht und hält regelmässig Referate über seine Zeit in China.

Einen solchen Vortrag hielt er kurz nach seinem Umzug auch in Effretikon. «Die Leute waren extrem interessiert», erzählt er. «Dadurch habe ich mich in der Stadt empfangen gefühlt – ganz anders als in China, wo ich ständig mit Barrieren konfrontiert war.»

In Schanghai zurückgelassen habe er neben dem Familienhasen auch eine Ladung an Emotionen. Und dies ganz bewusst. «Das Unstete und Getriebene meiner Arbeit dort will ich ablegen und nicht mehr die ganze Zeit herumhetzen müssen», sagt Nufer. «Ich will gelassener sein und besser mit Niederlagen umgehen können. Wie die Chinesen.»

Die «DOK»-Serie startet am Mittwoch, 22. Juli, um 20.05 Uhr. SRF 1 zeigt die Serie in Doppelfolgen, der zweite Ausstrahlungstermin ist der 29. Juli. Pascal Nufers Buch «Faszination China» ist ab nächster Woche im Beobachter-Shop erhältlich.

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