Herr Boyman, die Welt wartet auf den Impfstoff. Werden wir einen gut wirkenden Impfstoff gegen Sars-CoV-2 bekommen?
Onur Boyman: Grundsätzlich bin ich zuversichtlich. Gegen Viren kann man in der Regel gut wirkende Impfstoffe entwickeln.
Aber es gibt, je nach Virus, grosse Unterschiede?
Ja, zwei Dinge sind entscheidend. Erstens: Wie stabil ist das Virus, verändert es sich ständig leicht, wie beispielsweise das Grippevirus, oder eben nicht? Und zweitens die Frage, wie unser Immunsystem auf das Virus reagiert.
Was ist da wichtig?
Unser Immunsystem hat verschiedene Möglichkeiten, sich gegen Eindringlinge zu wehren. Die angeborene Immunantwort kämpft zuerst mit Fresszellen. Reicht das nicht aus, kommt das sogenannte adaptive Immunsystem zum Zug. Es bildet einerseits Antikörper, die man im Blut und in gewissen Körperflüssigkeiten findet. Und andererseits kann es eine zelluläre Immunantwort mit T-Zellen anregen. Bei einem Impfstoff ist nun entscheidend, welche dieser Immunprozesse in Gang gesetzt wird. Die Frage ist, ob Antikörper ausreichend sind für eine schützende Immunantwort oder ob auch eine Stimulierung der T-Zellen nötig ist, um das Virus erfolgreich zu beseitigen. Bei der Impfung gegen Kinderlähmung beispielsweise ist eine Antikörper-Antwort wichtig. Bei HIV hingegen wäre sogar eine Aktivierung der T-Killerzellen nötig, und bisher ist es uns nicht gelungen, einen gut wirkenden HIV-Impfstoff zu entwickeln.
«Das Virus scheint bisher recht stabil zu sein, obwohl man kleinere Mutationen entdeckt hat.»
Was bedeutet all das für Sars-CoV-2?
Zum ersten Punkt: Das Virus scheint bisher recht stabil zu sein, obwohl man kleinere Mutationen entdeckt hat. Wie entscheidend die sind, müssen wir untersuchen.

