Es wurde befürchtet, dass die Bildungsschere während des Corona-Lockdown grösser geworden ist. Hat sich das bestätigt?
Andrea Lanfranchi: Studien dazu gibt es noch keine. Dafür war der Zeitraum von acht Wochen zu kurz. Es ist schwierig zu beurteilen, was passiert ist. Das Problem der ungleich verteilten Bildungschancen ist schon länger bekannt. Auch, dass wir es nicht im Griff haben. Es ist denkbar, dass sich diese Probleme verschärft haben. Fallbeispiele zeigen, dass ein grosser Teil der Kinder nur wenige Minuten pro Tag für die Schule gelernt hat. Ein Teil hat aber viel gemacht und gern gelernt. Ihnen kam gelegen, dass sie den Tagesablauf selber steuern konnten. Von Jugendlichen weiss man bereits, dass sie vor 9 Uhr nur schwer lernen können.
Wie sollen Schulen die entstandenen Lücken korrigieren?
Diese Lücken wurden dramati- siert. Von einem «verlorenen Schuljahr» kann nicht die Rede sein. Kinder lernen in der Schule. Aber die meisten lernen auch viel ausserhalb der Schule. Es gibt auch Kinder, die lernen trotz Schule. Man darf aber auch nicht bagatellisieren. Es gab Schülerinnen und Schüler, die man nicht erreicht hat. Sie hatten zu Hause keinen Laptop oder Unterstützung durch die Eltern. Es gab auch engagierte Lehrerinnen, die die Aufgaben vorbeibrachten. Dennoch wurden Kinder mit besonderen Problemen abgehängt. Fakt ist, dass man vieles von solchen Einzelfällen gelernt hat. Es ist etwa sehr relevant, dass einzelne Kinder aufblühten: Sie haben trotz Ferne viel Nähe der Lehrpersonen erfahren. Und die Lehrerinnen wissen nun, welches Zuhause die Kinder haben. Das ist eine wesentliche Komponente, die oft fehlte.
Welche Unterstützung ist am besten bei denjenigen, die abgehängt wurden?
Heilpädagogik spielt eine wichtige Rolle. Doch man kann keine pauschalen Regeln aufstellen, sondern muss bei jedem Fall schauen, welche Massnahme am besten hilft. Es ist aber kaum möglich, im Nachhinein einfach zu kompensieren, was früher verpasst wurde. Dies zeigt, wie wichtig Frühförderung ab Geburt ist für die zehn Prozent, die es nötig haben. Mit Besuchen von Elternbildnerinnen zu Hause, nicht nur Spielgruppen. Dann hätte man weniger Überraschungen erlebt. Die Eltern wären eher in der Lage, mit der Lehrerin in Kontakt zu treten, und sie wären kompetenter in der Erziehung.
Wo muss das Schulsystem als Erstes ansetzen?
Bei der flexiblen Anpassung der Schule. Man muss das enge Kor- sett an Regelungen, alles überall für alle gleich machen zu wollen, aufbrechen. Zudem ist diese Digitalisierungswelle eine Chance. Digitalisierungsskeptiker unter den Lehrern haben sich dem Thema angenähert. Digitalisierungsprofis sind bescheidener geworden, weil sie gesehen haben, was im Fernunterricht möglich, aber auch schwierig ist. In der digitalen Transformation müssen wir den richtigen Mix finden. Am wichtigsten ist und bleibt die Beziehung zu den Kindern und ihren Eltern. Technisch betrachtet braucht es nicht viel: Jede Schule sorgt dafür, dass jedes Kind über einen Laptop mit Internetanschluss zu Hause verfügt. Wenn nicht, organisiert sie das. Das ist nicht so teuer und hilft allen.
Braucht es eine Post-Corona-Pädagogik?
Es braucht eine gute Pädagogik mit flexiblen Fachpersonen. Für Sekschüler, die keine Lust mehr auf Schule haben, müsste es zum Beispiel möglich sein, ein oder zwei Tage pro Woche beim Bauern oder Velomech zu arbeiten. Manche lernen besser, wenn man sie nicht ständig mit Angeboten belagert – etwa Hochbegabte. Es muss künftig möglich sein, dass auch Schülerinnen und Schüler mindestens teilwei- se Homeoffice machen. Das lässt den Lehrpersonen mehr Zeit für diejenigen, die ihre Unterstüt- zung wirklich brauchen.

