Ich hab ihn bewundert, meinen Schulkollegen. Ihn brachte nichts aus der Ruhe. Matheklausur: Note 3.5; Chemie: Note 4; Geometrie gar Note 3. «Ich bin ja gut im Franz (5) Deutsch (5) und Englisch (5.5), das gibt im Schnitt immer noch 4.3, das reicht.» Und er verschwand zum Tschutten.
Seine Gelassenheit erstreckte sich nicht nur auf Schulisches, jegliches Ereignis liess ihn kalt, ob der Laufpass einer Freundin oder der Gewinn des Aufsatzwettbewerbs in Englisch. Irgendwann hatte ich den Verdacht, dass er nicht einfach ausgeglichen war, sondern gefühlslos und sogar etwas dumm. Ob das allerdings mit Mut zu tun hat, bezweifle ich.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass der mehrfach ausgezeichnete Schriftsteller Jorge Luis Borges an Menschen wie meinen Schulkollegen gedacht hat. Denn das Zitat klingt heroisch, abgeklärt und weise. Wahrscheinlich denkt er sowohl an die Person, die den Lottosechser knapp verpasst hat, als auch an denjenigen, der am 15. Juni bei Günther Jauchs «Wer wir Millionär?» die Million gewonnen hat. Und die beide die Tatsache ohne mit den Wimpern zu zucken stoisch hinnehmen.
Oder er denkt an Menschen, die so optimistisch sind, dass sie der grössten Niederlage die positive Seite abgewinnen. Das könnte mir nicht passieren. (Guy A. Lang)

