Abo

Politik

Von Frauen gegen Frauen

Jede Frau sollte Feminismus für sich selbst interpretieren können, ist Gioia Porlezza der Meinung. Das dem aber nicht so ist, erlebt die «Standpunkt»-Autorin tagtäglich.

Vergangene Woche durfte ich mir anlässlich des Frauenstreiks anhören, dass es keinen bürgerlichen Feminismus gibt. Feminismus sei eine Erfindung von links und wer nicht politisch links sei, könne entsprechend auch keine Feministin sein. Bürgerliche Frauen sind unmöglich Feministinnen, linke Männer jedoch schon: interessant, dachte ich mir.

Ich möchte vorneweg nehmen: Ich weiss, dass dies nicht die Meinung aller politisch linker Wähler ist und darüber bin ich sehr froh. Es zeigt meiner Meinung nach aber ein grosses Problem, nämlich, dass der Feminismus von heute sich nicht mehr an Forderungen orientiert, sondern an politischer Ideologie. Warum sollte Feminismus etwas sein, das eine politische Richtung für sich beanspruchen kann? Warum sollte nicht jede Frau Feminismus für sich selbst interpretieren können? Es ist mir ein Rätsel, weshalb ich mir «den einen richtigen» Feminismus diktieren lassen soll. Vom Patriarchat zum Matriarchat, wo sich die bürgerliche Frau gefälligst zu unterwerfen hat: Genau mein Humor.

«Wir Frauen dürfen alles sein, aber nicht Hausfrau. Das ist so 1955.»

Man überlege sich mal die Absurdität des Ganzen: Frau darf heute nicht Frau sein, weil der Feminismus ihr vorschreibt, welche Forderungen angebracht sind und welche nicht. Ich bin überzeugt, dass die Frau von heute, egal welchen politischen Couleurs, ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen kann. Viele Rollenbilder sind längst überholt. Man ist nicht mehr automatisch Hausfrau, wenn man Mutter ist. Aber, und das ist sehr wichtig: Frau darf noch immer genauso Hausfrau sein, wenn sie das möchte. Und das gibt es durchaus! Aber hui, Gott bewahre, welche Frau das laut ausspricht: Wir Frauen dürfen alles sein, aber nicht Hausfrau. Das ist so 1955.

Wir dürfen also alles sein und fordern, solange es in das vorhandene feministische Framing passt. Wir wollen gleich viel oder mehr verdienen: das passt. Wir wollen die gleichen oder bessere Karrierechancen haben: das passt auch. Aber wehe, wir Frauen tun etwas, das nicht ins Bild passt.

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?