Die Corona-Ansteckungen sind innert sieben Tagen auf 154 gestiegen, ein Drittel mehr als in der Woche davor. Was das bedeutet, erklärt der Epidemiologe Marcel Tanner. Er leitet jene Gruppe der Wissenschafts-Taskforce, die den Bundesrat zur öffentlichen Gesundheit berät.
Die Infektionszahlen steigen, viele fühlen sich an den Anfang der Corona-Welle in der Schweiz erinnert. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Wenn die Zahlen steigen, ist das auf dem aktuell tiefen Niveau nicht grundsätzlich bedenklich. Entscheidend ist wie und warum: Handelt es sich um einzelne Übertragungsnester, das die Kantone mit Testen, Tracing, Isolation und Quarantäne – was wir TTIQ nennen – in den Griff kriegen? Oder ist es eine problematische exponentielle Zunahme? Dieses Prinzip müssen wir allen Gesundheitsverantwortlichen verständlich machen.
Die Verbreitung des Virus beschleunigt sich, der Reproduktionswert R0 für die ganze Schweiz könnte erstmals seit Wochen wieder über 1 liegen.
R0 ist als Masszahl der Verbreitung einer Infektion entscheidend. Für aufflackernde Übertragungsnester ist er aber nicht die massgebende Grösse. Er widerspiegelt stets eine Situation, die bereits zwei Wochen zurückliegt. Zudem muss man berücksichtigen, wie er berechnet wird.
Die vorliegende Zahl bezieht sich auf die ganze Schweiz und ist gemittelt. Weil wir momentan so wenige Fälle haben, sinkt die Genauigkeit. Wissenschaftlich ausgedrückt: Das Vertrauensintervall wird grösser und schliesst 1 ein. Das heisst, dass der wirkliche Wert von R über 1, aber auch unter 1 liegen kann.
Die Beschleunigung löst in den sozialen Medien Beunruhigung aus.
Mit solchen Fragen sollten die Leute jetzt nicht die Zeit verbringen und sich fürchten. Wichtig ist, dass die Behörden mit dem TTIQ-Ansatz schnell feststellen, wo Infektionsnester entstehen, wie die Fälle zusammenhängen, und darauf rasch und gezielt reagieren. Wenn der Bund jetzt die ausserordentliche Lage verlässt, müssen die Kantone mehr Verantwortung dafür übernehmen.

