Die ältere Dame – sie war etwa 78 – plante über den Biancograt auf den Piz Bernina zu steigen. Körperlich fühlte sie sich fit und sie war gut trainiert. Ihr Gatte war vor ein paar Jahren gestorben, mit ihm hatte sie die Tour vor einiger Zeit schon einmal unternommen. Nun wollte sie die Erinnerungen Realität werden lassen und mit ihm – in Gedanken – noch einmal die Schönheit der Berge, die Selbstüberwindung und die Freude auf dem Gipfel zu stehen, erleben.
Ihre Kinder protestierten, allen voran die knapp 50-jährige Tochter, sie erklärten: «Mami, du spinnsch, i dim Alter. Was isch wänn d’en Schwächiafall hesch?». Doch «Mama» liess sich nicht beirren, ihr Argument: «Man ist so alt wie man sich fühlt.» Sie engagierte einen Bergführer, kletterte hoch und kam überglücklich ins Tal zurück.
Besagte Redensart hat sich wieder einmal bewährt. Auffallend ist, dass sie kaum von jüngeren Menschen gebraucht wird. Sie kommt als nicht zu widerlegendes Argument immer dann zum Zug, wenn die lieben Mitmenschen darüber befinden, was einem gut tut. Das nehmen vor allem Junge in Anspruch, die keinen Gedanken daran verschwenden, dass sie auch mal älter sein könnten. (Guy A. Lang)

