Zugunglück bringt erste Gemeindepartnerschaft
«Im Umkreis von 50 Metern lagen Trümmerteile verstreut, Effekten der Opfer, schliesslich die teilweise verstümmelten und verkohlten Toten selber.» So stand es am Montag, 13. September 1982, im «Zürcher Oberländer». Am Tag davor hatte sich eines der schwersten Zugunglücke der Schweiz ereignet: Beim Zusammenstoss eines deutschen Reisecars mit einem Regionalzug starben 39 Personen, da die damals noch handbetriebenen Bahnschranken nicht geschlossen waren, als der Zug heranraste. Nur zwei Personen überlebten den Crash (siehe Box).
Im Car unterwegs waren Mitglieder des Turn- und Sportvereins Schönaich, einer Gemeinde südlich der Grossstadt Stuttgart. Aus diesem tragischen Unfall entstand überhaupt ein Kontakt zu Pfäffikon – und aus diesem soll nun etwas Positives entstehen: Die beiden Gemeinderäte wollen eine Partnerschaft gründen.
Viele Gemeinsamkeiten
«So entstand auf tragische Weise ein Kontakt zwischen den Gemeinden, der in regelmässigen Treffen am Jahrestag des Unglücks gepflegt wurde », sagt Gemeindepräsident Marco Hirzel (SVP). «Durch den Zusammenhang mit dem Unfall war die Situation dementsprechend belastet.» An der Gedenkfeier zum 20. Jahrestag des Unglücks im Jahr 2002 kamen die beiden Gemeinderäte dann überein, den Austausch weiter zu pflegen, aber nicht mehr in direktem Bezug zum Unglück.
Der Unfall
Am 12. September 1982 kam es kurz vor 15 Uhr zu einem Zusammenstoss eines Regionalzugs und des deutschen Reisecars. Obwohl der Bahnübergang damals erst vor einigen Jahren mit einer Lichtsignalanlage ausgerüstet worden war, blieben die Bahnschranken handbetrieben. Dass es zum Unfall kam, war schliesslich auf menschliches Versagen der Schrankenwärterin zurückzuführen. Als der Zug den Bahnübergang erreicht hatte, wies er bereits eine Geschwindigkeit von rund 80 Stundenkilometern auf. Die eingeleitete Notbremsung konnte den Zusammenstoss mit dem Reisecar nicht mehr verhindern. 39 Busreisende kamen ums Leben, davon waren fast alles Ehepaare. Über 40 Kinder aus Schönaich wurden zu Vollwaisen. Zwei Frauen überlebten. Über 300 Polizisten, Feuerwehrmänner, Sanitäter und Ärzte standen an diesem Tag im Einsatz. Heute erinnert ein Mahnmal mit Gedenktafel direkt neben dem Bahnübergang an den Unfall. (zo)
«Dabei haben die Behörden festgestellt, dass die beiden Gemeinden nicht nur durch das tragische Ereignis verbunden sind, sondern über mehrere Gemeinsamkeiten», sagt Hirzel. Dazu gehören zum Beispiel die Grösse und Struktur, etwa im öffentlichen Leben oder in der geografischen Einbettung und im Einzugsgebiet einer grossen Stadt.
Ab dieser Zeit hätten im zweijährigen Turnus gegenseitige Besuche stattgefunden, wobei Erfahrungen ausgetauscht und kommunale Projekte demonstriert und diskutiert wurden. Beim letzten Besuch der Schönaicher Delegation habe man etwa die Pfäffiker Schulraumplanung präsentiert und den temporären Schulraum Sandgrueb gezeigt. «Und wie immer gab es einen Abstecher an den Pfäffikersee, darauf bestehen die Gäste jeweils», erzählt Hirzel.
Parallel zum Gemeinderat haben auch einzelne Dorfvereine Kontakte und Beziehungen geknüpft. So etwa die Harmonie, die antiquarische Gesellschaft oder der Fussballclub. Den sportlichen Austausch hat auch Marco Hirzel seit seiner Jugend im FC Pfäffikon erlebt. «Am Tag des Unfalles im September 1982 waren wir Junioren auf dem Heimweg von einem Spiel in Zürich – ebenfalls in einem Bus», erzählt Hirzel, der damals 15 Jahre alt war.
«Wir Junioren waren extrem erschrocken, aber schlimmer war es für die Milizfeuerwehr am Unfallort.»
Marco Hirzel
In Fehraltorf sei der Bus dann an der Weiterfahrt gehindert worden. «Ich erinnere mich noch genau, weil unser Fahrer, ein Spieler aus der 2. Mannschaft, der als Kantonspolizist arbeitete, zu uns sagte, wir sollen ihm seine Polizeijacke reichen, dann sorge er schon dafür, dass die Fahrt weitergehe.» Der für den Verkehr zuständige Feuerwehrmann habe dann jedoch die Situation erklärt und an eine Weiterfahrt sei nicht mehr zu denken gewesen. «Wir Junioren waren extrem erschrocken, aber schlimmer war es natürlich für die Milizfeuerwehr am Unfallort.» Viele Bekannte seien damals im Einsatz gewesen. «Diese Erlebnisse haben danach noch Jahre an ihnen gezehrt.»
Besuch beim Mahnmal optional
Heute steht die Tragödie nicht mehr im Mittelpunkt der Kontakte zwischen Pfäffikon und Schönaich. «Wir verzichten bei den Besuchen bewusst auf einen direkten Bezug zum Unglücksdatum und gehen nicht jedes Mal beim Mahnmal am Bahnübergang vorbei», so Hirzel. Der Austausch der beiden Gemeinden gleiche zwar schon länger einer klassischen Gemeindepartnerschaft. Doch der Entscheid, sie urkundlich zu besiegeln, fiel erst beim letzten Treffen im vergangenen Jahr in Schöneich.
Bereits hat der Gemeinderat Schönaich eine Partnerschaftsurkunde entworfen. Geplant ist, diese im September in Schönaich von den beiden Gemeindepräsidenten Marco Hirzel und Daniel Schamburek zu unterzeichnen. Während Schönaich damit bereits die vierte Partnerschaft eingeht, ist es für Pfäffikon die erste derartige Verbindung. Und auch wenn die beiden Orte sonst viel gemeinsam haben – das politische System ist ebenfalls nicht direkt vergleichbar.
«Mit unserem schlanken Politapparat fahren wir in Pfäffikon sehr gut.»
Marco Hirzel
In Schönaich wird ein Bürgermeister auf fünf Jahre gewählt. «Damit eine gewisse Unabhängigkeit gegeben ist, kommt meist ein Auswärtiger zum Zug», sagt Hirzel. Dieser bildet dann zusammen mit dem 18-köpfigen Gemeinderat die Exekutive. Dieses System sei mit der hiesigen Kommunalpolitik nicht vergleichbar. «Ich stelle mir dies schon speziell vor, wenn man sich nicht zuerst über Jahre auf kommunaler Ebene beweisen muss, in denen man auch eine gewisse Akzeptanz für ein solches Amt aufbaut.»
Diese Zusammenarbeit funktioniere denn auch nicht immer gleich gut, wie er aus den Gesprächen erfahren habe. Marco Hirzel: «Grundsätzlich hat uns der Austausch mit den Amtsträgern aus Schönaich vor allem eines gezeigt: Mit unserem schlanken Politapparat fahren wir in Pfäffikon sehr gut.»
