Kontakt mit Armut ist Schwester Ariane Stocklin gewohnt. «Doch nie war die Not so gross wie in der aktuellen Corona-Krise», sagt die 47-jährige Zürcher Theologin und Gassenarbeiterin. An der Langstrasse, mitten in Zürich, verteilen sie und ihr 2001 gegründeter Verein Incontro Lebensmittelpakete. Etwa 900 sind es zurzeit samstags, 200 unter der Woche. Vor dem Ausbruch der Krise waren es 70. Darüber hinaus serviert Incontro abends warme Mahlzeiten – zurzeit 250, vor zehn Wochen noch 50.
Die Bedürftigen stehen vor der Lebensmittelabgabe Schlange. Die Armut trifft vor allem Frauen, aber auch ganze Familien. In den sozialen Medien wurde über die Bilder aus dem Zürcher Stadtzentrum heftig diskutiert. Man verglich sie mit jenen aus Genf, wo vor dem Eishockeystadion Les Vernets jeden Samstag 2000 Personen – am letzten waren es sogar rund 3000 – für ein Lebensmittelpaket anstehen.
In Genf besitzt ein Drittel der Bedürftigen eine Aufenthaltsbewilligung und hätte damit das Recht auf staatliche Hilfe. In der Zürcher Langstrasse dürfte die Situation ähnlich sein.
Die Leute schämen sich
Schwester Ariane interessieren Aufenthaltspapiere wenig. Sie betont: «Meine Arbeit besteht darin, zu den Menschen eine Beziehung aufzubauen und Vertrauen zu schaffen. Die Leute brauchen sehr viel Überwindung, um zu uns zu kommen, weil sie sich schämen.» Bea Schwager von der Zürcher Anlaufstelle für Sans-Papiers sagt: «Die Leute in der Langstrasse sind keine Papierlosen. Diese hätten zu grosse Angst, dort von der Polizei kontrolliert zu werden.»

