Abo

Politik

Diese Taten wollen die Mächtigen verschweigen

ETH-Gastprofessor Eyal Weizman deckt mit seiner Arbeitsgruppe Forensic Architecture Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf. Seine Feinde sind die USA, Syrien und Russland. Und viele Architekten.

Am 12. Februar 2020 erhielt Eyal Weizman eine E-Mail, seine Reisegenehmigung für die USA sei aufgehoben worden. Der Grund? Keine Angabe. Wenig später erklärte ihm ein US-Botschaftsmitarbeiter in London, ein Algorithmus habe ihn oder eine von ihm kontaktierte Person als «Sicherheitsrisiko» eingestuft. Mehr könne er dazu nicht sagen.

Nun ist der israelische Architekt Eyal Weizman es gewohnt, von den Mächtigen beleidigt zu werden. Die Liste seiner Feinde ist ziemlich bunt: Sie reicht vom syrischen Herrscher Bashar al-Assad bis zur CDU-Fraktion in Hessen und zum Propagandasender Russia Today. Dass ihn aber ausgerechnet ein Algorithmus als Risiko ausflaggte, das ist bei Eyal Weizman von besonderem Interesse.

Schliesslich wendet die von ihm 2011 gegründete Forschergruppe Forensic Architecture eine sehr ähnliche Methode an. Auch sie ordnet verschiedene Daten so an, dass sich Muster erkennen lassen. Muster, die auf Verbrechen hindeuten. «Gegen-Forensik» nennt Eyal Weizman das Vorgehen.

Forensic Architecture besteht heute aus rund 20 Architekten, Journalisten, Filmemachern, Aktivisten. In seinen Videos, die auch in Kunstausstellungen wie der Documenta zu sehen sind, weist das Kollektiv beispielsweise nach, dass 2018 in der syrischen Stadt Duma chemische Waffen zum Einsatz kamen. Es kann belegen, dass die europäische Grenzpolizei Frontex 2015, als vor Lesbos ein Flüchtlingsboot kenterte, komplett versagte.

Um die Vorfälle zu rekonstruieren, baut Forensic Architecture aufgrund von Handyvideos und Satellitenbildern dreidimensionale virtuelle Modelle; räumliche Analysen, in denen Bewegungen der Akteure nachverfolgt und Videoaufnahmen geografisch verortet werden, etwa mittels Google Earth. Dabei entsteht eine faszinierende Ästhetik, es sieht aus, als habe ein genialer Landschaftsarchitekt seine Visualisierungssoftware in ein abstraktes Horror-Videospiel umprogrammiert.

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?