«Impfen macht frei?» stand auf dem Karton, den eine Demonstrantin auf dem Zürcher Sechseläutenplatz in die Kameras hielt. «Arbeit macht frei» stand auf dem Tor des Konzentrationslagers Auschwitz. Wie das Transparent verstörte vieles an den Mahnwachen vom vergangenen Samstag in Zürich, Bern und anderen Schweizer Städten.
Zwar versammelten sich schweizweit nicht annähernd so viele wie bei den Klimademonstrationen. Aber ihr Auflauf, ihre Menschenketten und die Umarmungen liessen viele ratlos zurück, die wochenlang daheimgeblieben waren und sich höchstens in Kleinstgruppen bewegt hatten. Auch Journalisten der NZZ und der «Republik» zeigten sich auf Twitter konsterniert über diese wie aus dem Nichts entstandene Bewegung gegen die Einschränkungen der Freiheitsrechte, eine Folge des bundesrätlichen Notrechts gegen das Coronavirus.
Pädo-satanischer Kult?
Wirklich erstaunen kann aber eigentlich nur, dass es nach dem wochenlangen Lockdown überhaupt so lange gedauert hat, bis sich der Protest auch auf den Strassen und Plätzen zeigt. Denn im Internet, auf einschlägigen Websites und Kanälen des Messengerdiensts Telegram wird schon länger Stimmung gemacht, nicht nur gegen die Corona-Massnahmen, sondern auch allgemein gegen das «System», gegen die «Lügenmedien» und gegen die «Elite», die dem gemeinen Volk angeblich eine – bisher noch gar nicht existierende – Anti-Corona-Impfung aufzwingen will.
Die hinter den Demonstrationen stehende Bewegung ist äusserst heterogen und vereinigt Globalisierungs- und Kapitalismuskritiker mit Impfgegnern bis hin zu antisemitischen Verschwörungstheoretikern. Viele kommen aus der esoterisch angehauchten Szene, und die meisten haben kein Vertrauen in die Medien. Darum boykottieren sie Zeitungen und Fernsehen und «informieren» sich mithilfe «alternativer Medien», die keinerlei journalistischen Standards genügen müssen.

