Die Bilder aus Genf erschreckten die restliche Schweiz:1500 Menschen versammelten sich am Samstag vor dem Eishockeystadion des HC Genf-Servette. Hilfsbedürftige, die wegen der Corona-Krise in Not geraten sind und die für ein Päckchen Reis, Teigwaren und Mehl anstanden. Der Wert der Ware: 20 Franken. Die Länge der Schlange: ein Kilometer. Die Wartezeit: drei Stunden. Die Hilfesuchenden konnten sich auch auf eine mögliche Corona-Infektion hin testen lassen und eine Sozialberatung in Anspruch nehmen.
Hinter der Aktion stand das Genfer Bürgerkomitee «La Caravane de Solidarité». Auch «Colis du cœur», eine andere Hilfsorganisation, registriert in Genf eine massiv zunehmende Nachfrage nach kostenlosen Lebensmitteln. Sie verschickt Bedürftigen Einkaufsbons für die Migros. Seit Ausbruch der Corona-Krise steigt die Nachfrage um 1000 Gesuche pro Woche.
Haushalthilfen entlassen
«Niemand steht drei Stunden im Regen, wenn er Hilfe nicht dringend nötig hat.» So kommentiert Marianne Halle von der Genfer Beratungsstelle «Centre de Contact Suisses-Immigrés» die Bilder vom Samstag. Halle kennt die Situation in Genf genau. Familien hätten ihre Haushaltshilfen oder Kinderbetreuerinnen schon vor Wochen auf die Strasse gestellt und damit in die Prekarität gezwungen. Am Samstag sei die ganze Misere für alle sichtbar geworden.
Nur ein Teil der Betroffenen sei im Übrigen ausweislos, sagt Marianne Halle. Auch Leute mit Aufenthaltsbewilligungen hätten Angst, beim Staat Sozialhilfe zu beantragen. Sie befürchteten, dass der Kanton sie danach mit dem Entzug der Aufenthaltsbewilligung bestrafe. «Um das zu verhindern, litten Betroffene lieber an Hunger», sagt die Genferin. Die Kantonsregierung hat reagiert und klargestellt, dass wegen der Inanspruchnahme von Sozialhilfe während der Corona-Krise niemand seine Bewilligung verliert.

