Blutverdünner könnten Todesfälle reduzieren
ovid-19 gilt als Lungenkrankheit, ausgelöst durch das Coronavirus Sars-CoV-2. Doch nun deuten neue Erkenntnisse darauf hin, dass diese Sicht zu kurz greift. Demnach könnten schwere Verläufe und auch Todesfälle in vielen Fällen mit einer einfachen Thrombose-Prophylaxe verhindert werden.
Darauf deuten gleich zwei Veröffentlichungen von Medizinern am Universitätsspital Zürich (USZ). Ein Team um Nils Kucher, Direktor der Klinik für Angiologie, analysierte die Krankheitsakten von 388 Covid-19-Patienten, die im Februar und im März am Universitätsspital Mailand behandelt wurden.
«Bei einer Lungenembolie kann es sehr schnell gehen.»
Nils Kucher, Klinik für Angiologie, Universitätsspital Zürich
Dabei fanden die Forscher bei den Patienten, die entsprechend untersucht worden waren, dass rund jeder Dritte an einer Lungenembolie litt. Bei der Hälfte davon trat sie innerhalb der ersten 24 Stunden auf. Diese Patienten hatten die Lungenembolie demnach bereits zu Hause und wurden deswegen eingeliefert. Die Studie ist soeben im Fachblatt «Thrombosis Research Journal» erschienen.
«Wir vermuten, dass die Lungenembolie bei schweren Covid-19-Verläufen und auch Todesfällen eine grosse Rolle spielt», sagt Kucher. Mit einem üblichen Blutverdünner liesse sich das in vielen Fällen verhindern. In Spitälern ist bei Covid-19-Patienten eine solche Thrombose-Prophylaxe üblich. Nicht jedoch bei Infizierten, die zu Hause in Quarantäne sind.
Schlagartiger Kreislaufzusammenbruch
«Bei einer Lungenembolie kann es sehr schnell gehen», erklärt Kucher. In den tiefen Beinvenen entstehen Blutgerinnsel, die in die Lungenvenen verschleppt werden und dort zu einem Verschluss führen können. «Der Druck im Herz wird dadurch so gross, dass es schlagartig zu einem Kreislaufzusammenbruch und schliesslich Herzversagen kommt.»
Weitere Studien aus China und Holland sowie Medienberichte stützen Kuchers Einschätzung. Von «ungewöhnlich vielen Thrombosen und Lungenembolien» berichtet in Deutschland Klaus Püschel, Direktor des Hamburger Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Eppendorf, wie der Berliner «Tagesspiegel» schreibt, der als Erster über das Vorhaben berichtete. Püschel führt umfangreiche Autopsien bei Covid-19-Opfern durch.
Die meisten sterben ausserhalb der Spitäler
Kucher schätzt für die Schweiz, dass 70 Prozent der Covid-Patienten zu Hause oder in Alters- und Pflegeheimen sterben und nicht in den Spitälern. «Es gibt keine offizielle Übersicht, aber aufgrund der Angaben von Spitälern kommt man etwa auf diese Grössenordnung», sagt der Angiologe. Das deute darauf hin, dass viele Betroffene ganz plötzlich sterben, während sie sich nach einem positiven Testresultat zu Hause oder in Heimen in Quarantäne befinden. «Bei einer langsamen Verschlechterung würden die meisten ins Spital eingeliefert», sagt Kucher.
«Wir hoffen, dass wir das Risiko für Spitaleinweisungen und Todesfälle um 60 Prozent reduzieren können.»
Nils Kucher, Klinik für Angiologie, Universitätsspital Zürich
Eine Studie mit 1000 Teilnehmern über 50 und positivem Testresultat soll nun Klarheit schaffen, ob eine einfache Thrombose-Prophylaxe helfen kann. Die Hälfte der Studienteilnehmer spritzt sich während zweier Wochen täglich das günstige Blutverdünnungsmittel Clexane, die andere Hälfte bekommt die übliche Behandlung ohne Prophylaxe.
«Wir hoffen, dass wir das Risiko für Spitaleinweisungen und Todesfälle um 60 Prozent reduzieren können», sagt Kucher. Er erwartet in den nächsten Tagen die Bewilligung durch Swissmedic und die Zürcher Ethikkommission. «Danach werden wir eine Hotline für alle testenden Ärzte und positiv getesteten Patienten über 50 Jahre einrichten, die bei der Studie mitmachen möchten», so Kucher.
«Der Ansatz leuchtet sehr ein», sagt Frank Ruschitzka, Direktor der USZ-Klinik für Kardiologie. Er ist einer der Hauptautoren der zweiten Studie des Unispitals, die die Idee von Kucher stützt. Die am Montag im Fachblatt «The Lancet» veröffentlichte Arbeit weist nach, dass bei verstorbenen Covid-Patienten nicht nur die Lunge, sondern Blutgefässe im ganzen Körper in verschiedensten Organen entzündet sind.
Herzschäden bis Multiorganversagen
Betroffen ist das sogenannte Endothel, die schützende Zellschicht auf der Innenseite der Blutbahnen. Die Forscher konnten mithilfe von Gewebeproben von verstorbenen Covid-19-Patienten nachweisen, dass Sars-CoV-2 diese Zellen schädigen oder gar abtöten kann.
Die Folgen der Gefässentzündung: Es entstehen schwere Mikrozirkulationsstörungen, die das Herz schädigen, Lungenembolien und Gefässverschlüsse im Darmtrakt und den Nieren auslösen und bis zum Multiorganversagen und Tod führen können.
«Junge Infizierte mit einem gesunden Endothel werden eine Entzündung meistens gut überstehen», sagt Ruschitzka. «Bei unseren älteren Risikopatienten mit Vorerkrankungen sollte deshalb die Therapie an zwei Stellen ansetzen. Virusvermehrung hemmen und gleichzeitig das Gefässsystem der Patienten schützen und stabilisieren.» (Felix Straumann)

