Die Zahl der bestätigten Neuinfektionen ist zuletzt deutlich zurückgegangen. Überrascht Sie das?
Marcel Salathé: Nein, das durfte man in etwa so erwarten. Ich halte mich aber noch ein wenig zurück mit allzu grosser Freude. Man hat gesehen, dass die Zahlen vom Wochenende jeweils tiefer sind als unter der Woche. Man muss jetzt schauen, was in den Tagen nach dem Osterwochenende passiert.Aber wenn man die Kurve anschaut, geht der Trend absolut in die richtige Richtung.
In grossen Spitälern wird angeblich viel weniger getestet als noch vor ein, zwei Wochen. Ist das mit ein Grund für den Rückgang der Zahlen?
Das ist extrem schwierig einzuschätzen. Es gibt zum Teil auch widersprüchliche Informationen, wie gross genau die Testkapazitäten sind. Und niemand weiss derzeit genau, wie hoch die Durchtestungsrate ist. Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass sie relativ hoch ist und dass man daher dem Trend trauen kann.
Könnte man die freien Testkapazitäten nicht nutzen, um das gesamte Gesundheitspersonal zu testen?
Man muss sich gut überlegen, was man mit Testkapazitäten macht. Jeder Test ist ein Datenpunkt, und je mehr wir davon haben, desto besser kennt man die Situation. In einer Krisenbekämpfung ist jede Information wichtig, insbesondere die Fallzahlen. Man muss die Testkapazitäten einfach richtig einsetzen.
«Technisch sind wir soweit, dass wir die Tracing-APP im Mai lancieren können.»
Marcel Salathé, Professor für Epidemiologie an der ETH Lausanne
Wie denn?
Zum einen braucht es Tests für eine klinische Beurteilung eines Patienten. Andere Tests sind wichtig, um herauszufinden, wie hoch die Prävalenz der Krankheit ist. Wieder andere Tests sind wichtig, um zu bestätigen, dass eine Person Covid-positiv ist und in Isolation gehen muss. Und nochmals andere Tests sind für das Contact-Tracing wichtig, also für das Verfolgen von Kontaktpersonen von positiv Getesteten, etwa im Zusammenhang mit der Öffnung von Schulen oder um herauszufinden, wann eine Person wieder aus der Quarantäne darf. Eine hohe Testkapazität wird auf jeden Fall wichtig sein, um die Krise zu meistern.

